Freiburg ist schoen, bleibt aber weitgehend unspektakulaer. Ich besteige den Schlossberg und den Schlossbergturm. Das Jonglieren funktioniert zwar, ich habe aber das Gefuehl, das Geld im Hut wird von Stadt zu Stadt weniger, je weiter ich gen Sueden schreite. Natuerlich sind das immer nur Momentaufnahmen und nichts repraesentativ.
Es geht nach zwei Tagen Freiburg weiter zum Tittisee. Es ist Sonntag. Die Strandpromenade geflutet von Menschen: Sehr viele Inder, Asiaten, Italiener, Oestereicher, Franzosen, Amerikaner. Kuckucksuhren ticken um die Wette, Schwarzwaldtrachten und kitschige Souvenirs reihen sich Stand an Stand. Irgendwo spielt eine Indianerband und bespasst die Massen. Ein Kapitaen in vollem Anzug verkauft Fahrkarten fuer die 25Minuten-Seerundfahrt. Eine heile Welt voller Realsatire, Kitsch und Volksmusik.
Ich bekomme augenblicklich gute Laune, Schnappe mir eine der wenigen leeren Baenke an der Uferpromenade, baue meinen Kocher auf und koche zwei Packungen neuseelaendische Instantnudeln. Es ist faszinierend was fuer nette aber aber auch abgrundtief boese Blicke man ernten kann.
Hier moechte ich gerne jonglieren. Noch nichtmal angefangen, da landet schon der erste 10 Euroschein in meiner Tasche… Und es sollte gut weitergehen. Nach einer Stunde sind 25 Euro zusammenjongliert. Wahnsinn! Die Leute hier haben einfach gute Laune, Kaufkraft, und geben fuer ein bisschen Unterhaltung schnell auch etwas mehr Geld. Und das Geld kann ich dringend gebrauchen, habe ich mich die letzten Tage mit ein, zwei, oder 3 Euro ueber Wasser gehalten….
Noch am Nachmittag geht es weiter zum groesseren und weniger touristischen Schluchsee. Ich fahre bei einem Pfarrer mit, der die dumme Angewohnheit hat beim Ein- und Aussteigen mitten auf der Strasse zu halten. Am Schluchsee regnet es. Ich baue mein Zelt auf und verschwinde frueh im Schlafsack. Ueber Nacht stuermt und regnet es stark. Am morgen ist alles nass. Der See ist dazu noch angeschwollen, es haette nur 10 cm mehr gebraucht, das Zelt komplett zu fluten.
Am Montag wollte ich auf den Feldberg, den hoechsten Berg im Schwarzwald, aber auch heute nur Regen. Ich beschloss eine Kursaenderung auf den Bodensee. Am morgen nimmt mich ein Versicherungsmakler in alpinweissem Oberklasse-BMW mit Nappaleder mit durch den Schwarzwald. Motto: Wo 100 erlaubt ist wird auch 100 gefahren. An einer Bundesstrassenauffahrt erneut Bekanntschaft mit dem Freund und Helfer. Dieser haelt in guter Absicht und nimmt mich ein laengeres Stueck mit. Er ist privat unterwegs und schreibt gerade an seiner Diplomarbeit fuer den gehobenen Dienst. Spaeter auf der Autobahnraststaette treffe ich dann wieder seine blauen Kollegen: Die Rundumleuchten gehen an, ich mache mich zur naechsten Personen-, Drogen-, und Waffenkontrolle bereit. Aber die beiden wollen garnichts kontrollieren. Ihnen gefaellt mein Standort nicht. Ich streite nicht und wechsle meinen Spot.
Letztendlich werde ich von zwei Damen um die 70-80 mitgenommen, eine herrliche Autofahrt. Die beiden haetten wohl nie gestoppt, haette nicht ein Maedel, eine Handwerkergesellin die drei Jahre auf Wanderarbeit ist, sie fuer mich angesprochen. Eine der alten Frauen hatte so viel Spass an den Reisegeschichten, sie konnte sich garnicht mehr einkriegen. Dann erzaehlten die beiden mir auch ihre Geschichte: Sie haben in den 80 Jahren eine damals revolutionaere Idee gehabt: Ferienhaustausch. Funktionierte auch ohne Internet ueber Zeitungen. Daraus hat sich eine innige Freundschaft entwickelt, und die beiden waren gerade auf ihrer jaehrlichen “Weibertour” in ein Kloster unterwegs…
Die Handwerkergesellin hat mich uebrigeens auch beeindruckt. Sie ist in einer Tracht unterwegs die sie stehts tragen muss, reist mit nur 7 KG Gepaeck welches sie auf ein simples Holzgestell geschnuert hat, und nennt ihr hab und gut “viel zu viel”. 3 Jahre dauert ihre Wanderzeit in der sie von Baustelle zu Baustelle in ganz Europa wandert.
Mit den alten Damen komme ich schon frueh in Konstanz an. Es regnet. Ich besuche das Bodenseemueseum. Haette ich mir schenken koennen. Ich mache mich zu Fuss auf den Weg in die Schweiz, auf einen Aussichtsturm, dann wieder zurueck. Erst Abends finde ich eine Unterkunft. Campen konnte ich nicht, mein Schlafsack ist nass und muss trocknen.
Als weitere Verlustmeldung gibt es mein Internet-Wlan-Stick und mein Fotokameraladegeraet zu vermelden. Sehr aergerlich. Nun ist meine Kommunikation sehr eingeschraenkt und die Kamera wird irgendwann den Geist aufgeben….
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In Heidelberg besuchte ich zuerst das Schloss. An der Touristeninformation wollte ich mein Rucksack fuer 2-3 Stunden unterstellen, aber dort hatte man keine “adaequaten Gepaeckabstellvorrichtungsanlagen”. Also mit dem Rucksack den Berg rauf. Die Sicht ist beeindruckend, das Schloss auch. In Heidelberg gibt es gefuehlt mehr Japaner und Asiaten wie Westeuropaer. Und die fotografieren alles was ihnen vor die Linse kommt. Eigentlich ein toller Ort um zu jonglieren…
Doch Heidelberg hat als einzige bisher bereiste Stadt nur feste Strassenkuenstlerplaetze, an denen man dann seine Kunst vortragen darf. Da leg ich doch gleich mal los! Es dauert nur ca. 10 Minuten bis das Ordnungsamt eintrifft. “Junger Mann, Sie stehen zwar an der richtigen Stelle, aber leider zur falschen Zeit”. In Heidelberg duerfen alle Kuenstlerplaetze nur zu ganz bestimmten Zeiten bespielt werden. Platz A von 15-16 Uhr, Platz B von 13-17 Uhr usw. Ich stehe an Platz A und es ist 14 Uhr. Ein schwerer Verstoss gegen Recht und Ordnung.
Ich bekomme ein Merkblaettchen mit auf den Weg und man notiert sich meine Personalien. Die gute Frau vom Ordnungsamt ist nett und ich bin es auch, aber ich moechte trotzdem noch wissen warum man hier in Heidelberg so stark reglmentiert. Und das ist so: In der Heidelberger Innenstadt leben Menschen, und die fuehlen sich durch laermende Strassenmusker gestoert, was verstaendlich ist. Dafuer die Spielzeiten. “Aber ich mach doch garkein Larm!?” Ne, aber im Sinne der Gleichberechtigung und zum Schutze vor Diskriminierung einer Kuenstlergruppe koenne man einer Gruppe das spielen nicht verbieten und einer anderen erlauben. Klingt logisch, ist es aber nicht.
Ich bekomme ein Kuenstlerplatz zwischen Bushaltestellen, laermenden Strassenbahnen und Bussen zugewisen. Der Platz ist schlecht doch ich bin trotzig. Am Ende gibts auch hier etwas Geld….
Ich trampe nach Karlsruhe. Auf der A5 stehe ich keine 2 Minuten als zwei blaue Maennchen im Streifenwagen vor mir stoppen und eine Personen-, Waffen- und Drogenkontrolle durchfuehren moechten.
Auch die beiden sind nett, und ich bin es auch. Wo es hin geht, wo ich herkomme, kleines Geschwaetz mit dem Freund und Helfer. Am Ende erzaehlt mir mein Gegenueber, sollte ich hier laenger stehen werde ich von der naechsten Streife erneut kontrolliert. “Und warum?” “Ja weil Sie hier so stehen!” Na aber der Benz- und Polofahrer steht auch die ganze Zeit hier. Werden Tramper hier etwa diskriminiert? Wenn das die Gleichstellungsbeauftragte in Heidelberg wuesste!
Angekommen in Karlsruhe. Im Scheck-Inn Center kaufe ich mir als Feierabendritual eine Tafel Ritter-Sport-Schokolade. An der Kasse ein Hinweisschild das der Alkoholverkauf in Baden Wuerttemberg seit dem 1.3.10 nach 22 verboten ist. Das Schild fuehrt explizit auf, dass das auch fuer Wahre gilt die vor 22 Uhr vom Regal in den Einkaufswagen gelegt oder vom Einkaufswagen aufs Band gelegt wurde, bei dem der Einkauf aber noch nicht die Kasse erreicht habe. Das ganze waere nur halb so witzig wenn der Laden nicht bereits um 22 Uhr schliessen wuerde.
Weiter in die Innenstadt. Auf einem Fussgaengerzonenschild klebt ein Aufkleber: “Bekleben Verboten, § 303 Strafgesetzbuch”. Herrlich.
“Die Menschen hier lieben es ebend wenn alles ”Recht und Ordnung” hat meint Sarah die mir hier eine Uebernachtungsmoeglichkeit anbietet dazu.
Und Karlsruhe ist die Stadt des Rechtes: Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshofes und Oberlandesgericht haben hier ihren Sitz und nehmen so eine raeumliche Distanz zur Legislative in Berlin ein.
Dann stolpere ich auf den Platz der Grundrechte direkt vorm Karlsruher Schloss. Zitate von Vertretern des Rechts, des oeffentlichen Lebens, aber auch Erfahrungen aus der Bevoelkerung und von Menschen ueber die Recht gesprochen wurden ist haengen hier an 24 Tafeln.
Ein Schild faellt mir sofort ins Auge: “Wenn wir wirklich Freiheit wollen, muessen wir uns befreihen von vielem was uns einengt, was im laufe der Jahre zugewachsen ist. Freiheit muss immer wieder neu Gedacht werden. Ich glaube nicht das es einen stattlichen Begriff davon geben kann. Natuerlich ist sie dort zuende wo ich einen Nachbarn schaedige, doch sie schenkt immer wieder neue Freiraeume.”
Ich finde dieses Zitat sehr sehr schoen. Recht kann uns Sicherheit schenken. Aber wenn Recht nur des Rechts wegen angewendet wird wird es sinnlos und engt ein. Man sollte sich stets neue Freiraeume erkaempfen.
Nach 2 Naechten in Karlsruhe geht es weiter nach Freiburg in den Hochschwarzwald. Erst spaet komme ich an, aber auch hier finde ich schnell einen Schlafplatz. Der Tag war regnerisch, aber schliesslich bin ich dort angekommen wo ich am morgen hinwollte. Nur mein Handy habe ich beim Trampen in einem Auto vergessen….
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