Aug 8 Jonglieren, ein Angler, Gott und die Welt, und ein schiefes Haus in Dortmund…

Morgens gehts weiter am Dortmund-Ems-Kanal in Richtung Dortmund. Der Weg besteht hauptsaechlich aus Umleitungen. Und so komme ich an Staedten vorbei von denen ich noch nie gehoert habe. Senden. Luedinghausen. Olfen. Datteln. In Luedinghausen stehen mehrere alte Schloesser die meinen Weg kreuzen. Eines ist heubsch renoviert, eines herruntergekommen, verlassen und mystisch. In Henrichenburg vor Dortmund steht ein altes Schiffshebewerk, eines der bedeutensten Europas. Ich besuche es und schleuse mich mal wieder als Schueler ein. Danach ist es 18 Uhr, und ich bin nur noch 10 km von Dortmund entfernt. Nun wirds schon wieder Zeit fuer einen Schlafplatz. Ich zelte wild am Kanal. Ein Angler wird mein Gespraechspartner fuer den Abend.

Er fuehrt mich tief in die Geheimnisse des Angelns ein: “Angeln tu ich garnicht nur wegen den Fischen. Manchmal will ich garkeinen Fisch fangen. Ich will mal raus von dem Stress von der Alten. Und den Kindern. Und son Fisch der macht auch Arbeit. Einfach nur hier sitzen und gucken. Na klar willste auch irgendwann was fangen.”

Heute siehts allerdings nicht gut aus. Seit 16 Uhr sitzt er hier und spannt aus, gleich ist es 22 Uhr. Dann ploetzlich: Einer seiner vollautomatischen elektronischen Fisch-Meldesirenen piept und blinkt. “Fehlalarm. Scheiss Kraut”. Und so bleibt es ruhig. Die Sonne geht unter. Wir essen Kolrabi. Irgendwann kommt ein kleiner Passagierdampfer mit Life-Jazzkapelle an Board und duempelt an uns vorbei….

Um 22:30 Uhr wuensche ich dem Angler noch einen schoenen Abend und viel Erfolg und verkrieche mich in mein Zelt.

Am 8. August gehts um 8:00 weiter nach Dortmund. Um 10 Uhr fruehstuecken im Stadtpark: Es gibt Raviolli. Mein Budget ist auf ein Allzeittief von 39 Resteuros gefallen. Heute muss ich was reissen. Es ist Samstag, da sollte doch was gehen. In der Stadt dann eine Menge proffesionelle Stassenkuenstler und unzaehlige Bettler. Hier werd ichs schwer haben. Ich baue mein Fahrrad an einem geeigneten Platz auf.

Gegenueber hat sich eine Kirchengemeinde positioniert, die eine Aktionswoche zum Thema: “Begegnungen mit Gott” durchfuehrt. Und so landet in meinem Hut auch schnell ein Flyer “Dein Weg zu Gott”. Ich bedanke mich und jongliere weiter. Irgendwann kommt auch Norman an meinen Stand und wir fuehren eine Diskussion ueber Radtouren, Radwege, und irgendwann begreife ich das auch er zu dem Verein von nebenan gehoert. Er erzaehlt mir von kranken Kameraden auf Radtouren die nach gemeinsamem beten auf wundersame Art genesen sind. Ob ich den interessiert sei seinen Gott kennen zu lernen? Wie ich zum glauben stehe? Ich erzaehle ihm das ich keinen besonderen Draht nach oben habe, zu viele Fragen, zu viele Zweifel, zu viel Skepsis, keinen realen Bezug. “Gott ist in dir, Gott ist hier, Gott ist ueberall. Gott hat das alles hier gemacht. Das ist doch toll. Ist es nicht schoen? Er haette eine Eisenbahn fuer sich bauen koennen, aber er hat die Welt erschaffen. Ist er nicht grossartig? Gott ist in Dir. Ich sehe ihn doch in deiner Lebhaftigkeit. So wie du hier stehst, deine Lebendigkeit. Er spricht durch Dich zu mir”

Ich beneide diese Leute. Immer opimistisch, Lebensfreude bis ueber beide Ohren. Voellig in ihrem Glauben aufgegangen. Mit sich und der Welt im Einklang. Beim gehen schubst Norman ausversehen mein Fahrrad um, und ich erwaehne das der Staender zu schwach und kurz ist. Da gehoert mal nen neuer dran. 5 Minuten spaeter kommt Norman mit 20 Euro in der Hand und steckt sie mir zu. “Fuern neuen Staender”. “Das kann ich doch nicht annehmen!”  ” Na klar, Gott hat mir grade zugefluestert das ich sie dir geben soll”. Nagut. Wenn Gott das sagt…

Irgendwann kommt eine Frau und will mich zu einem Casting fuer Schauspieler ins Holliday Inn schleppen. Herrlich. Was man hier fuer Menschen trifft, der Tag hat sich schon gelohnt! Irgendwann kommt dann ein Polizeibus. Ich werde ein wenig nervoes denn ich habe keine Genehmigung, wie man sie in einigen Staedten als Strassenkuenstler braucht. Er kommt naeher, stoppt und positioniert sich mir gegenueber. 8 Polizisten sitzen in ihm. Ich jongliere weiter. Irgendwann dann geht die Tuer auf: “Hey. Kannste das auch mit fuenf?”

Fuer heute ist genug Geld verient. Ich gehe nach Thaila und kaufe mir ein neues Buch. Titel: “Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten”. Ich verkrieche mich in einen Stadtpark als sich meine Unterkunft fuer heute meldet. Jenny! Warum immer Frauen meine Anfragen als erste beantworten habe ich noch nicht rausbekommen. Ich schreibe Maenner wie Frauen jeweils 50/50 an. Vielleicht sind sie spontaner.

“Ich wohn in dem schiefen blauen Haus”. Wie schief erkenne ich erst als ich ankomme. Es liegt in der Nordstadt. Auslaenderquote hoch, Erwebstaetigenquote niedrig. Jenny studiert und da ist die Wohnlage hier besonders attraktiv, weil billig. “Das ist eigentlich ganz cool hier. Unter uns wohnt noch ne WG, und unten die Vermieter. Die haben das Haus in den 80ern besetzt”. Was, echte Hausbesetzer also? Und die durften das dann behalten?

“Ja, die haben nen Verein gegruendet. Das ist und war hier ne Zufluchtstaedte fuer sozial Schwache und Hilfesuchende. Mit der Auflage den Verein im Haus weiterzufuehren wurde ihnen das Haus zugesprochen. Ausserdem hats eh Bergwerksschaeden. Ist hier alles untergraben. Deswegen ists ja auch so schief”. Das Haus rechts davon ist abgebrannt. Und wie schief das Haus wirklich ist merke ich erst als ich in der dritten Etage versuche gerade zu laufen. Huiiii. Die WG ist liebevoll renoviert und eingerichtet. Die haette ich hier oben nicht erwartet.

Aber Jenny hat noch eine Ueberraschung fuer mich: Sie ist fuer den Abend mit Rowi, ihrem Bekannten und gleichzeitig Berufszauberer, verabredet. Er zeigt mir nicht nur Jonglagetricks sondern weit mich auch in die Kunst der Feuerschows ein. Mit meiner Warnung, meine Bekannten wuerden saemtliches Feuer vor mir verstecken weil ich einen Hang habe alles in Brand zu stecken, meint er, dieser Hang waere Berufsgrundvorraussetzung. Heute kommt er ueberigens in Mittelalteroutfit verkleidet. Er uebt fuer eine neue Rolle. Von ihm lerne ich das Jonglage, Zauberei und saemtliches Strassentheater vor allem Entertainment ist. Und ich bin kein Entertainer, das weiss ich auch. Rowi nennt mich sogar spiessig.

Ich bin begeistert von diesem Menschen der mit dieser Arbeit seit taeglich Brot und Geld verdient und davon sehr gut leben kann. Er wird regelmaessig ueber Agenturen gebucht, tritt auf Festivals, Maerkten usw. auf. Im Alltagsgeschaeft verdient er sein Geld damit im Park Luftballons in Figuren und Tiere zu verknoten. Da er noch ein paar Luftballons ueber hat laed er mich am darauffolgenden Tag ein ihm fuer ein paar Stunden ueber die Schulter zu schauen und zu lernen. Natuerlich nehme ich an und verlaengere meinen Dortmundaufenthalt um einen Tag….

In der Stadt spricht mich ein Aboverkaeufer an: “Junger Mann. Jetzt die Zeit fuer Sie!” Zeit? Ne danke, davon hab ich genug.

Notgroschen: 50 Euro

Ueberschuss aus Jonglage: 3 Euro

Zur Verfuegung: 53 Euro

Kommentare zu diesem Artikel:

  • Jessi

    schrieb am 08. August 2010 um 11:25 Uhr:

    Welcome back in Germany ;)

  • Jan

    schrieb am 09. August 2010 um 06:41 Uhr:

    Wie das mit den Feuertricks ausgegangen ist möcht’ ich unbedingt wissen. :-)

    Dann noch ne tolle Zeit im “Pott”.

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