Jul 21 Marbug, Rhön und Fulda

Marburg ist eine schöne Studentenstadt mit einmaligem Stadtbild. Sie ist geteilt in eine neue Unterstadt und eine historische Oberstadt. Hoch oben in der Mitte der Stadt thront das Marburger Schloss von dem aus man bis weit in die Umgebung schauen kann. Ich übernachte eine Nacht bei Martin und eine bei Nora auf der Couch.

Das Jonglieren klappt hier nicht, weil die Altstadt in viele kleinen Gässchen und Plätze unterteilt ist, und es so an einer Durchgangseinkaufsstraße fehlt. Ich habe leider auch etwas Pech mit dem Wetter. Es regnet ständig. Stolze 30 Cent kommen zusammen.

Marburg ist von einem Gebirge umgeben, außer im Norden und Süden, wo die Lane dieses durchbricht. Auf diesem Gebirge steht ein Kaiser-Wilhelm-Turm, von Marburgern auch Spiegellustturm genannt. Die Legende sagt das der Student der den Turm vorm Beenden seines Bachelorabschlusses bzw. Vordiploms besteigt durch die Prüfung fällt. Erstaunlicherweise habe ich auch keinen einzigen Studenten gefunden der oben war. Man nimmt das sehr ernst. Ich habe nichts zu verlieren: Die Aussicht ist beeindruckend, und man bekommt einen schönen Blick auf das Gesamte Umland.

An den Turm hat man ein großes rotes Neon-Herz angebracht, das man wenn es dunkel ist per SMS oder Anruf zum Leuchten bringen kann. Was von einigen als kitschig beschimpft wird ist für mich ein einmaliges Wahrzeichen der Stadt.

Am letzten Abend werde ich von Simon zum Essen ins „Studentendorf“ eingeladen. Er wohnt mit seiner WG im 5. Stock eines Hochhauses, schon etwas weiter oben am Fuße des Berges, so dass man vom Balkon Marburg bei Nacht bewundern kann. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge und haben interessante Diskussionen über das Reisen, das Leben, loslaufen, ankommen und warum man sich überhaupt den Rucksack auf den Rücken schnallt.

Eine ehemalige Mitbewohnerin die auch dort ist hat das umgesetzt was immer mein Traum gewesen war. Ihre Wohnung gekündigt und sich ein altes Mercedes-Hippiemobil gekauft in dem sie nun lebt während sie an der Uni Medizin studiert. Ich bin begeistert. Es gibt halt Leute die reden, und Leute die machen. Zum Abschied schenkt mir Simon noch eine Packung Brot und zwei Konserven Fisch. Ich werde sie morgen sicher brauchen.

Nächster Tag raustrampen Richtung Fulda. Gleich der erste Autofahrer ist ein Glücksgriff und fährt mich in einem Stück durch. Da das Wetter unerwartet sonnig ist, und da es die nächsten Tage wieder regnen soll, lasse ich mich von ihm direkt in der Rhön absetzen um wandern zu gehen. Er fährt mich bis an den Wanderweg des Kreuzberges.

Interessant ist mein Autofahrer weil er sich in den 80er Jahren für ein wie er selbst sagt „exotisches Berufsbild“ entschieden hat. Er wurde Hausmann und ist es auch immer geblieben, während seine Frau das Geld verdiente. Drei Kinder hat er versorgt und den Haushalt geschmissen statt sich dem Berufsleben zu widmen. Für ein Häuschen hat es trotzdem gereicht. Es kommt halt auf die Lebenseinstellung an. Er sagt: „Verantwortung für Kinder ist was ganz anderes als Verantwortung für eine Firma.“

Der älteste hat fertig studiert und arbeitet nun als Arzt. Die jüngste hat grade für ein Erziehungswissenschaften-Studium das Haus verlassen. Papa ist hörbar stolz. Erst jetzt gibt er zu, fehlt ihm ein wenig der Sinn, hat er einen kleinen Knick. Vielleicht will er wandern gehen, mit Zelt, und Schlafsack. Ich denke eine gute Entscheidung…

Nun aber den Kreuzberg hochlaufen. Oben, 400 Meter vorm Gipfel, liegt ein 1644 gegründetes Franziskaner-Kloster. Vom Kloster führt ein Kreuzweg mit Bildkapellen zu den drei steinernen Golgota-Kreuzen auf dem Gipfel. Sie stellen die 12. Station des Kreuzwegs dar, der dem Kreuzweg in Jerusalem nachempfunden ist.

Neben dem Kloster gib es eine Ausstellung zum Ordensgründer Franz von Assisi. Er war überzeugt das alles was ist von Gott kommt. Alle Geschöpfe sind für ihn Brüder und Schwestern die einander brauchen und für einander Verantwortung tragen. Ein Satz in der Ausstellung bleibt mir im Gedächtnis:

„Franz kann staunen: über die leuchtenden Sterne, die Kraft des Feuers oder eine klare Quelle. Er freut sich an den Dingen der Welt. Nichts, was ist, ist selbstverständlich. Alles Leben ist ein wertvolles Geschenk. Er will nichts besitzen und festhalten, ist nur auf Pilgerschaft – aber als glücklicher Wanderer.“

Von dem Kreuzberg trampe ich hinunter und auf die 950 Meter hohe Wasserkuppe, den höchsten Berg der Rhön. Die Wasserkuppe ist ein Eldorado für Flieger. Sie ist Geburtsstunde des modernen Segelfluges. Es gibt ein Museum, einen kleinen Flughafen für Segelflieger, Motorflugzeuge, Drachen- und Gleitschirmflieger, sowie Modelflugzeuge.

Als ich dort so voll bepackt Richtung Gipfel stapfe, vorbei an den Flugzeugen halte ich plötzlich inne. Den Typen der da grade so eifrig sein Flugzeug putzt kenne ich doch. Oder nicht? Körperhaltung passt, Statur passt, Gangart passt… Es ist tatsächlich Tobias, ein Mitschüler mit dem zusammen ich an der Flugschule in Bremen meine Ausbildung gemacht habe, bevor ich sie abgebrochen habe.

Was für ein Zufall. Zwei Minuten später, ein anderer Autofahrer der mich mitgenommen hätte, eine andere Konstellation meiner Reiseroute und wir wären uns nie wieder begegnet. Wäre es etwas früher am Tag hätte er mich noch eine Runde mit in die Luft genommen, aber nun sei es leider zu spät. Wir verabschieden uns und ich laufe weiter Richtung Fliegerdenkmal und Aussichtspunkt.

Die Aussicht ist gigantisch, die meisten Leute sind gegangen, es ist schon 19:30, die Flugzeuge verstummen. Nur ich und der Berg, und das Fliegerdenkmal. Auf einem alten Vulkanschlot auf Basaltsteinen errichtet, wurde es nach dem ersten Weltkrieg errichtet trägt es die Inschrift: „Wir toten Flieger blieben Sieger durch uns allein Volk flieg du wieder und Du wirst Sieger durch dich allein“. Ich schaue eine ganze Weile den Berg hinab. Stille. Alles wirkt so ruhig, so friedlich.

Dann mache ich mich ohne Ziel auf den Weg bergab, um eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Der Himmel zieht sich zusammen. Es beginnt zu regnen und hört auch nicht wieder auf. Ich baue mein Zelt auf einer kleinen Wiese auf. Ein Igel hustet sich neben mir im Gebüsch in den Schlaf, dann schlafe auch ich ein….

Nächster Morgen. Schon wieder alles nass. Das dritte Mal abgesoffen. Im nachlassenden Regen das Zelt zusammenpacken. Dicker Nebel löst den Regen ab. Mit einer Sicht gegen Null mache ich mich auf den Weg und habe keine Ahnung wo ich bin. Eine kleine Kreisstraße die aber laut meiner Karte ganz anders verlaufen müsste führt zu Orten, die eigentlich ganz woanders liegen müssten. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, und vor allem wie ich mich beim Abstieg gestern so verlaufen konnte. Von Zeit zu Zeit rette ich mich mit einem Sprung vor vorbeidonnernden LKWs ins Gras. Trampen ist unmöglich. Nur meine Neonregenjacke sorgt dafür dass mich überhaupt jemand sieht bevor es zu spät ist.

Ich laufe und laufe bis ich auf eine Bundesstraße stoße. Die Auffahrt bietet Platz zum sicheren Trampen. Das erste Auto hält sofort und nimmt mich mit nach Fulda. Schon wieder eine Frau die auch als Tourenguide für interessierte Reisegruppen arbeiten könnte… Diese lebende Enzyklopädie setzt mich direkt in der Innenstadt ab, bevor sie mit ihrem Auto in der Tiefgarage verschwindet.

Fulda besitzt ein einmaliges Barockviertel: Das Stadtschloss, der Dom, der große Schlosspark und ein Dahliengarten sind ziemlich beeindruckend. Nach dem Sightseeing geht’s auf zum Jonglieren.

Dann passiert das was ich nicht so ganz verstehe. Ich habe auf einmal das Gefühl genug gesehen zu haben. Bin müde. Möchte nach Hause. War es das Wetter, die Stimmung? Klar war letzte Nacht wieder alles abgesoffen, das Geld war zu knapp, meine Klamotten reif für die nächste Waschmaschine, und ich hatte noch keine Übernachtungsmöglichkeit. Einen richtigen Grund aber gab es nicht. Ich wollte einfach nach Hause. Und so folgte ich meinen Gefühlen und fuhr mit dem Zug zurück nach Minden. In der Bahn erblicke ich plötzlich das Schild: „Nächste Station: HeimatLiebe“. Ich schmunzle und lasse mich im Zug zurück nach Minden schaukeln. Ein sehr kurzer aber schöner Wander-Sommer 2011.

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