Jun 15 Nicht ohne meine Brille!

Der erste Arbeitstag in Mildura:
Anstatt des versprochenen Mandelbaumstutzens wurden wir zum rausziehen der bereits mit der Kettensäge abgeschnittenen Mandelbaumaeste eingeteilt. Kein Problem. Am zweiten Tag kamen dann Zweifel unter den Arbeitern auf, ob die Bezahlung hierfuer nun die gleiche wie fuer das Stutzen ist. Offiziell haben wir zwar schon Berge an Sicherheitseinweisungen unterschrieben aber niemand wollte Kontodaten oder Steuernummern wissen.  Mich machte das stutzig. Auch das niemand darueber redete wie viel wir nun verdienten, kein Vertrag unterschrieben wurde, etc.

Auf Nachfrage konnte niemand sagen wie und wann wir fuer unsere Arbeit bezahlt werden. Ich beschloss nach dem Mittagessen die Arbeit zu verweigern, mittlerweile waren alle unruhig geworden und man sah sich wohl nun genoetigt die Konditionen offenzulegen: 20 Cent pro Baum! Das sind bei durchschnittlichem Arbeitstempo ca. 7 Dollar. Versprochen waren ursprünglich 19 Dollar fix. Wenn man nun dann das Gehalt minus 20 Dollar fuer die Unterkunft des Hostels minus 7 Dollar fuer Sprit und Transport fuer die insgesammt 3 Stunden Transportweg jeden Tag abzieht kommt man auf ein laecherliches Gehalt. Und Essen muss man ja auch noch bezahlen, irgendwie. Ich hatte genug und blieb nach dem Essen nun im Auto. Leider war ich der einzige.

“Willst du den Jungs nicht doch noch ein bisschen helfen Tobias?” meitne der Superweiser. “Ne danke!” war meien Antwort. Ich ueberlegte was ich tun kann um den Supervisor noch etwas aus der Reserve zu locken. Ich begann im Wagen zu jonglieren.

Am Abend quittierten dann noch 4 weitere der 10 Arbeiter den Dienst, so das es nun nur noch 5 waren. Ich freute mich und haette mich noch mehr gefreut wenn alle 10 Leute hingeschmissen haetten. Aber Arbeitgeber finden halt immer ein paar Dumme. Oder besser gesagt: Leute die das Geld noch dringender brauchen als man selbst. ”Du ich find das wirklich gut wie du das heute durchgezogen hast” meint einer, “aber ich brauch das Geld, hab mein Konto ueberzogen.” Zwar brauchte ich auch dringend Geld, aber ich habe meine Prinzipien.

Doofe Prinzipien. Ich hatte schliesslich schon 140 Dollar Wochenmiete fuer das Arbeitshostel im Vorraus bezahlt (so ist es ueblich) und der Herbergsvater war nicht mehr bereit mir einen anderen Job zu suchen. Er habe mir ja schon einen vermittelt den ich von mir aus gekuendigt hatte. Ich hatte also 5 Tage nichts zu tun. Und die Tatsache das man sich in Mildura befindet, umgeben von nichts, macht es nicht grade einfacher.

Nur eine Sache konnte ich erledigen. Ich brachte meine Brille zum Optiker, um das Glas wechseln zu lassen. Und ich begab mich natuerlich wieder auf Jobsuche.

In der kommende Woche sollte ich lernen das die Bezahlungsmoral, Verdienstmoeglichkeiten und Arbeitsmoeglichkeiten in dieser Gegend generell schlecht sind. Es wird generell unter Minimumlohn gezahlt, was eigentlich illegal ist. Eine voellig andere Arbeitssituation wie in Neuseeland. Dort waren zwar die Loehne klein, aber dafuer fuer alle gleich. Es wurde Minimumlohn gezahlt.

Hier in Mildura gibt es eine regelrechte “Backpacker-Lohndumpingindustrie”. Erinnert schon fast an in Deutschland aus Osteuropa angeworbene Erntehelfer die nach Abzug fuer Miete, Essen und Transport fast nichts mehr uebrig haben. Was heisst es erinnert daran? Es ist genau die gleiche Masche!

Vermutlich sind einfach zu viele Backpacker unterwegs. Und es gibt verhaeltnismaessig zu wenig Jobs. Angebot und Nachfrage. Es gibt aber immer noch Leute die Glueck haben und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Man hoert von 25, 30 Dollar pro Stunde – 40 Dollar in der Nachtschicht. Die meisten träumen jedoch nur davon.  Ich auch..

Nach einer Woche ohne Aussicht auf einen Job, und weiterem verbrannten Geld hatte ich also genug und wollte mit dem Nachtbus zurueck nach Melbourne. Ich wollte moeglichst schnell nach Thailand um dort noch etwas von meinem mühsam  in Neuseeland verdienten Geld zu haben.

Ich betrat den Optiker um meine Brille abzuholen. Heute sollte es soweit sein.  Die Bedienung war freundlich und eilte nach hinten. Zurueck kam der Optiker persönlich. Wollte er mir die Brille zur Feier des Tages eigenhaendig ueberreichen? Haette er gerne gemacht. Aber die Brille sei noch nicht fertig und das neue Glas sei irgendwo “hängengeblieben”.

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Spass bei Seite: Irgendwie verhext oder? Da ich davon ausgehen muss das die Brille innerhalb der naechsten Tage fertiggestellt wird muss ich warten. Da in Mildura die Jobsituation aussichtslos war fuhr ich nach Red Cliffs, was nur 16km von Mildura wegliegt. Dort liege ich in “Zimmer 1″ des ehemaligen Mildura Base Hospitals, das mittlerweile ebenfalls zu einem Arbeitshostel umgebaut wurde. Dort wurde mir fuer Donnerstag ein Job versprochen. Natuerlich nicht bevor ich fuer eine Woche die Miete im Vorraus bezahlt hatte. Und was verdiene ich? Ungefaehr das gleiche wie beim vorherigen Arbeitgeber.  Aber ich bin jung und brauche das Geld….

Kommentare zu diesem Artikel:

  • Sabrina

    schrieb am 17. Juni 2010 um 12:17 Uhr:

    Falls deine Reise irgendwann beendet sein sollte oder du einen längerfristigen Aufenthalt irgendwo einlegst, schreib ein Buch^^ Deine Reiseberichte sind geniale Lektüre;)

  • Gerd (Weser-Kolleg Mathe)

    schrieb am 06. Juli 2010 um 17:08 Uhr:

    Hallo Tobi,
    hab grad deinen Bericht gefunden. Toll, dass es dir gelungen ist, deine Weltreise zu machen … ansonsten schließ ich mich Sabrina an. Toll geschrieben und klasse Bilder dazu!!!

    Lass es dir gut gehen … es grüßt Dr. Gerd!

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