Jun 25 Ueber Kängurus, Kettensägen und eine neue Brille.

Red Cliffs. Neue Arbeit. Der erste Tag war vielversprechend. Es wurden Aeste aus bereits beschnittenen Weintraubenbaeumen gezogen. Nach 10 Minuten began eine Frau auf indisch eine wilde Diskussion mit Vicky, unserem ebenfalls indischen Hostelmanager der gleichzeitig auch Jobs ranzieht und Backpacker mit Minibussen auf die Farmen karrt. Vicky faehrt weg und holt Billa, ebenfalls Inder, den Jobverhandler Nr 1. Inder nehmen hier eine wichtige Rolle zwischen Grossgrundbezitzer und dem einfachen Arbeitervolk ein. Sie fungieren oft als Contractor, Vermittler, Vorarbeiter und stecken sich einen grossen Teil vom Kuchen in die Tasche. Nach ca. 1 Stunde war klar: Wir koennen einpacken. Die Leute hier haetten in den vergangenen Wochen einen beschissenen Job gemacht. “Ein Blinder haette das besser hinbekommen als die da”. Wir sassen also wieder im Van.

“Ob wir denn nun fuer die letzten Wochen bezahlt werden?” fragt einer besorgt. Vicky lenkt seinen Toyota um 9:40 durch den Drive-In Liquorstore. “Ich glaub der kauft uns jetzt 100 Bier um uns dann wenn wir abgefuellt sind zu sagen das es kein Geld mehr gibt” grinst ein anderer.

Tatsaechlich aber fuhren wir nach dem Besuch des Liqour-Drive-Ins, dessen Existenz alleine mich immer wieder zum grinsen bringt, auf eine andere Farm. Hier gabs das doppelte Geld pro Baum, das klang erneut vielversprechend. In der Tat konnte ich auch noch 70 Dollar am ersten Tag machen, obwohl wir spaet angefangen haben. Ich war ganz zufrieden.Wenn denn spaeter die Bezahlung klappt… Immer alles ohne Vertrag, Geld wird uebers Hostel abgewickelt. Geld kommt dann wenns halt kommt. Wann weiss vorher keiner. “Did is hier alles verarsche, kannste kieken wo de willst” meint ein Backpacker aus Berliner dazu.

Auf der Rueckfahrt sprang ich als erstes in den Van um einen Platz mit Anschnallgurt zu ergattern. Eine Weissheit die ich bereits bei indischen Autofahrern in Suedafrika erlangt habe: Fahre nie mit einem Fahrer mit der an die Reinkarnation glaubt, der hat nicht viel zu verlieren. Und so fuhr auch Vicky. Ein anderer Grund mich um den Anschnallgurt zu kuemmern ist die hier sehr strenge Polizei, die neulich meie Arbeitskollegen angehalten hat und jedem nicht angeschnallten Fahrgast 200 Dollar und dem Fahrer selbst noch einmal 800 Dollar abgenommen hat, obwohl dieser selbst angeschnallt war. Bei so einem mikrigen Gehalt kann ich mir das nicht leisten.

Tag zwei. Startbeginn fuer unsere Truppe vom Hostel zur Arbeit war laut Einsatztafel fuer 7:15 angesetzt. Um 7:45 war noch keiner da, aber mir wurde von anderen Arbeitern bereits gesagt das man es damit nicht so genau nimmt. Um 8 frage ich dann doch nochmal nach. “Wat los is? Billa liegt wieder breit im Bett und kommt mit dem Arsch nicht hoch, dat is los Alter!” Um 8:30 verliessen wir die Unterkunft. Es ging auf den selben Weinberg wie gestern. Um 10 Uhr sagte unser indischer Supervisor und Boss “Peter”: Ja das wars dann jetzt wohl hier”. Wir sollten auf eine neue Farm gefahren werden aber der Plan aenderte sich waerend der Autofahrt drei mal, bei der Vicky mit einer Hand am Steuer, einer Hand am Handy von A nach B dirigiert wurde. Am Ende landeten wir wieder vorm Hostel. “Vielleicht gehts gleich weiter. Warte noch aufn Anruf.” Es kam keiner. Um 13 Uhr beschloss ich den Tag als abgehakt zu betrachten und ging duschen…

Tag 3: Nachdem Vicky ca. zehn Mal um den Block gefahren, und jedes mal mit einem Hupkonzert am Hostel vorbeigeduest war, kam schliesslich auch ein geraederter Billa in Gang und zwei Minibusse machten sich auf den Weg zur Weintraubenfarm. Heute war ein guter Tag. 112 Dollar konnte ich machen, das hat sich doch gelohnt. Aber wo sind eigentlich all die anderen hin? Ich gruebelte nicht weiter darueber und arbeitete zusammen mit einem Inder im Akkord. Spaeter im Hostel angekommen hoerte ich von den Maedels, die koerperlich leichtere Arbeiten verrichten als wir Jungs, sie haetten heute geschlossen die Scheren niedergelegt und die Arbeit verweigert. Der Grund war eine mikrige Bezahlung pro Baum, bei der sie auf einen umgerechneten Stundenlohn von 3 Dollar die Stunde gekommen waeren. Natuerlich wurden gleich wieder neue willige Arbeiter rangekarrt die dann Abends berichteten: “Scheisse man, ich hab heute den ganzen Tag 25 Dollar verdient”

Und so sollten auch die naechsten Tage verlaufen. Garkeine Arbeit, Scheiss Arbeit, manchmal hat man etwas mehr Glueck. Einen Tag habe ich einen ganzen vollen Arbeitstag fuer 36 Dollar gearbeitet. Es wird hier nie pro Stunde sondern immer pro Arbeitserfolg bezahlt. 20 Cent gab es heute pro Baum stutzen. Natuerlich fragte ich mich was ich hier eigentlich mache. Ein Stundenlohn von umgrechnet 4 Dollar. 12 Dollar ist das gesetzliche Minimumgehalt. Ich moechte denjenigen sehen der in der Stunde 60 Baume stutzt um auf die 12 Dollar zu erreichen und das auch noch 8 Stunden durchhaelt. Laecherlich. Laecherlicher war dann noch der Supervisor der den ganzen Tag um uns herrumwuselte ohne ein Wort zu sagen, und uns bei Arbeitsende sagte: “Albeit schlecht. Nix gut. Boss tief ungluecklich. Nichts Geld. Schlechte Arbeit. Schnipp Schnipp. Hier guckst du?” Aus den 36 Dollar wurden 18. Bums. 2 Dollar pro Stunde. 1,50 Euro. Ich begann Reinhald Grebe zu summen und mich Wortlos in den Transportvan zu begeben  ”Ich waer jetzt gern in Nordkorea.. Ein System das ich verstehe.. Einem Praesidenten, den wir hassen koenten….all das wuensch ich mir… doch ich sitze hier und bin nicht da… dumdidumdidum….” An solchen Tagen hat man nichteinmal kostendeckend gearbeitet.

Immerhin haben wir eine Gruppe wilder Kaengoroos gesehen die in der Abenddaemmerung ueber die Farm huepften.

Einen anderen Tag hatten wir ein Kettensaegentraining auf einer Mandelbaumfarm. Uns wurde mal wieder das grosse Geld versprochen. 600 bis 800 Dollar pro Woche. Mittlerweile ist mein Motto hier: Wenn sich etwas zu gut anhoert um war zu sein, dann ist es das meistens auch… Nach einem Tag arbeit war allerdings klar, dass sich hier tatsaechlich Geld verdienen laesst. Wenn man die 400 Dollar Pfand fuer die Kettensaege, 5 Dollar fuer Sprit fuer die Kettensaege pro Tag, 10 Dollar fuer den Service der Kettensaegen, 7 Dollar fuer den Sprit zur Arbeitsstelle, 35 Dollar fuer die gestellten Stahlkappenschuhe, 5 Dollar fuer die Warnweste etc abzieht…. Im Endeffekt koennen aber 130 Dollar pro Tag ueberbleiben. Und bei 6 Arbeitstagen ist das ziehmlich gutes Geld. Allerdings war mir die Arbeit mit der Kettensaege nicht wirklich geheuer. Die Einarbeitung an der Saege betrug 15 Minuten, die Schutzkleidung war Grenzwertig, das naechste richtige Krankenhaus 100 km weg, … Nach einem Tag mit der Kettensaege und 130 bearbeiteten Baeumen habe ich also wieder geschmissen.  Ich habe fuer den 8. Juli meinen Flug nach Thailand gebucht. Frueher war leider nichts zu ergattern. Das Arbeiten hier macht keinen Sinn. Jedenfalls nicht fuer mich.

Machmal muss man aber auch Glueck haben. Die alte Arbeitsstelle bei der ich nach 2 Tagen aus Protest die Arbeit niedergelegt hatte hat mir mein Gehalt fuer 2 Tage Arbeit ueberwiesen. Statt der verdienten 80 Dollar landeten versehentlich 250 Dollar auf meinem Konto. Wird vermutlich nie jemand bemerken.

Mandelbaeume attakieren mit brandneuen STIHL-Kettensaegen - Made in Germany

Mandelbaeume attakieren mit brandneuen STIHL-Kettensaegen - Made in Germany

Das Highlight der Woche habe ich ganz vergessen. Ich habe lange nichts mehr von meiner Brille (Running Gag) gehoert und deswegen angerufen (war eigentlich deren Aufgabe). Ich koenne sie abholen kommen wurde mir gesagt. Das tat ich dann auch. Anprobe: Ich nahm auf einem bequemen Stuhl platz, das Etui kam. Spannung liegt in der Luft. Mensch, was hab ich mich gefreut. Die gute Frau klappt das Etui auf. Holt die Brille raus. Man hat das falsche Glas ausgebaut. (Gut!) Das Richtige aber leider auch. (Schlecht!) Eingebaut hat man vorsichtshalber garnichts. Vor mir liegt ein Gestell ohne Glaeser!

“To be honest, I am a little bit confused whats going on here” sagte mir die Bedienung. “Me too” konnte ich da nur sagen. Gefolgt von eiem “Ehhhr, wo ist denn eigentlich das richtige Glas hin?” Ich hab die ganze Zeit nach einer versteckten Kamera gesucht aber leider keine gefunden. Den Rest der endlos langen Geschichte erspare ich Euch. Natuerlich gab es eine Erklaerung fuer alles,aber ich wollte ja keinen Brillenroman schreiben. Man bat um Geduld. Man wuerede sich nun darum kuemmern das neue Glaeser geschliffen und eingesetzt werden… Hab das Gefuehl irgendwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Das haette selbst der Fielmann-Praktikant besser hinbekommen….

5 Tage spater, 58 Tage nach dem mysterioesen verschwinden meiner Brille auf einem neuseelaendischen Weinberg betrete ich erneut die Filiale von Johnson Optics. Die Rezeptionistin erkennt mich sofort und bittet mich Platz zu nehmen. Wieder erscheint der Optiker hoechstpersoenlich. Das Etui kommt, meine linke Augenbraun beginnt unkontrolliert nervoeus zu zucken, die Klappe geht auf: Die Brille ist fertig. Halleluja!

Kommentare zu diesem Artikel:

  • Jan

    schrieb am 28. Juni 2010 um 07:09 Uhr:

    Gepriesen sei die heilige Dreifaltigkeit des klaren Durchblicks: Fachpersonal, optische Präzisionstechnik und globaler Service! *GGG*
    Wenn du in Thailand schon eine erste Adresse hast, kannste dir ja vorsichtshalber von Fielmann ne Ersatzbrille hinschicken lassen. ;o)

    Bin froh, dass du kein Kettensägenmassaker angerichtet hast. Die Stihls sind zwar recht sicher (sofern man bei Kettensägen üerhaupt davon sprechen kann…) aber bestimmt nicht TBS-proof.
    Die 15 Minuten Einweisung sind auch wieder cool. In D bekommen ja sogar die 1 EUR-Jobber nen dreiwöchigen Kurs vom Arbeitsamt. Und arbeiten dann hinterher nicht mal mit der Säge, sondern mit Benzin-Rasentrimmern. *G*

    Dreht man ”da unten” eigentlich auch so am Rad wegen dieser komischen Fußball-WM?

    Wünsch dir noch ne schöne Zeit in Australien, udn schon mal nen guten Flug nach Thailand.

    Tschö, Jan

  • Sabrina

    schrieb am 01. Juli 2010 um 19:53 Uhr:

    “Oh Mandelbaum, oh Mandelaum, wie schön sind deine Blätter…….” xD

    Heißes Outfit! ;p
    Tja und was deine Brille angeht, da kann man nur gratulieren*applaus*
    Mein Motto: besser spät als nie…! xD

    Dann mach das beste aus deinen letzten Tagen in Autralia und bring mir was hübsches aus Thailand mit ;)

    Halt die Ohren Steif! *winkewinke*

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