Kategorie: 9 Deutschland mit 0 Euro Budget

Aug 19 Der Rhein, eine Prinzessin, Regen und ein verlorener Schneidezahn…

Am 14. August jongliere ich noch einmal bevor ich die Stadt Bonn verlasse. 17,50 Euro landen in einer Stunde im Hut. So macht das Spass.Ich verlasse die Stadt bei strahlendem Sonenschein und laufe am Rhein entlang gen Sueden. Auf der anderen Seite erscheint die Stadt Koenigswinter, im Hintergrund Schloss Drachenfels und der Drachenfelsen mit Klosterruine. Die wuerd ich mir gerne angucken. Also fahre ich mit der Faehre auf die andere Seite, stelle meinen Buggy ab und laufe einen steilen Pfad hinauf. Die Aussicht ist beeindruckend. Beim Abstieg faellt mir ein kleiner Schuppen auf, an dem jemand alte Automaten betreibt. An einem koennen Frauen fuer 20 Cent das Autofahren erlernen, an einem anderen werden Lottozahlen vorrausgesagt. “Wo ham sie die denn ausgegraben?” fragt ein anderer Besucher. Ich selbst komme nicht an dem Wahrsage-Automaten fuer ebenfalls 20 Cent vorbei und bin nun im Besitz der Lottozahlen fuer Mittwoch – Prima!

Nochmal schnell was zu Essen kaufen, an der Rheinpromenade Abendessen, und dann zurueck auf die andere Seite. Es wird Zeit sich nach einem Schlafplaetzchen umzusehen. Der Drachenfels und die Burg laeuchten in der tiefstehenden orangenen Sonne, der Rhein pletschert vor sich hin. Hier wuerde ich gerne mein Zelt aufstellen.

Mir faellt Alex seine Kuenstlergruppe wieder ein. Die Jungs haben einmal als eine Aktion in der Innenstadt ein Strassenfest organisiert, und es mit Buden, Livebands und Esssen&Getraenkeverkauf so gross aufgefahren, das niemand die Existenz dieses Strassenfestes auch nur fuer eine Sekunde in Frage gestellt hat, obwohl es weder eine Erlaubnis noch eine Genehimung gab. Am Ende war sogar die Polizei dabei und regelte den Verkehr.

Also stelle ich mein Zelt genau dort auf wo es mit Sicherheit jeder sieht, aber auf Grund dieser Tatsache nicht in Frage stellt. Direkt am Rheinufer, unter Schloss Drachenfels und dem Drachenfelsen. Ich hole meine Jonglierbaelle raus, krame ein gutes Buch aus dem Rucksack und geniesse den gelungenen Abend.

Am 15. laufe ich weiter gen Sueden. Es regnet. Es regnet. Es regnet. Ich enddecke an alten Brueckenfeilern neben der Deutschen und Europaeischen Flagge die Amerika-Flagge. “Was ist denn hier los?” Dank der Flaggen entdecke ich das Friedensmuseum “Die Bruecke von Remagen” welches ich daraufhin besuche. Die Bruecke von Remagen wurde von den aliierten Streitkraeften beim Einmarsch in Deutschland unzerstoert vorgefunden worauf es den USA gelang trockenen Fusses auf die andere Rheinseite zu gelangen. Heute geben viel Historiker diesem Ereigniss einen grossen Stellenwert und sind ueberzeugt, dieser Schritt habe das Ende des zweiten Weltkrieges beschleunigt.

In Kripp bei Remagen kehre ich um dem Regen zu entfliehen bei “Big Mampf XXL-Restaurant” ein und bestelle eine Portion Pommes. Wer ein XXXL-Schnitzel inklusive aller Beilagen innerhalb von 2 Stunden verdrueckt zahlt fuer seinen Besuch keinen Cent. Hunger haett ich ja jetzt schon, aber das Risiko es nicht zu schaffen ist mir doch zu hoch. Erst spaeter erfahre ich das das Restaurant das bekannte XXL-Restaurant aus diversen TV-Reportagen ist. Die XXXL-Portion zu verdruecken gilt als unmachbar.

Remagen hat noch mehr Prominenz zu bieten. Thomas Gottschalk bewohnt hier ein Schloss. “Aber der Thomas, das ist ein Mensch wie du und ich”, das sagt zumindest sein ehemaliger Nachbar Alfred, alias Ali, den ich bei meiner naechsten Couchsurferin Sarah in Bad Bodendorf kennenlerne. Da es regnete lief ich heute nicht weit und suchte frueh nach einer Uebernachtungsmoeglichkeit. Als ich ankomme bin ich nass bis auf die Knochen.

Der Abend ist lustig, wir sind bei Ali zu eingeladen, und die beiden erzaehlen mir das auch die Ludolfs -bekannt aus dem DMAX-Kanal – nicht weit von hier, bei Neuwied, ihren Autoschrotthandel betreiben. Ich ueberlege die Jungs mal zu besuchen, vielleicht haben die ja nen neues Fahrrad fuer mich…

Am naechsten Tag gehts weiter durch Sinzig und dann wieder am Rhein entlang. Der Himmel ist den ganzen Tag wolkenverhangen. Schwere Regenschauer sind angesagt.  Ich habe keine lange trockene Hose mehr und laufe in einer kurzen Schwimmhose, jedoch am Oberkoerper in Pullover und Regenjacke eingehuellt vorwaerts. Es regnet vor und hinter mir ab, aber ich bleibe trocken.Ich passiere Namedy, einen Vorort der Stadt Andernach und entdecke eine Burg, die Wasserburg Namedy. Sie ist im Besitz der Hohenzollern, eine Prinzessin soll noch hier im Schloss leben. Ich wandle durch den Schlosspark, den das Haus mit Foerdergeldern in einen oeffentlichen Kunstgarten verwandelt hat. Manchmal fragt man sich nicht nur “Was wollte uns der Kuenstler mit dieser Arbeit sagen?” sondern “Warum hat dieser Kuenstler hier ueberhaupt etwas zu sagen?”

Die Sache mit der Prinzessin finde ich jedoch interessant, vielleicht ist sie ja auf der Suche nach einem Prinzen! Dann die Enttaeuschung: Prinzessin heisst Heide und ist 67. Ich setze meine Rheinreise fort.

Kleine Orte kommen und gehen. In Brohl hohle ich mir bei der Getraenkemarke “Brohler” ein “Gratisgetraenk fuer Radfahrer und Wanderer ab”, wie es das Schild am Strassenrand bewarb. Alles mitnehmen was man kriegen kann. Die Apfelschorle ist lecker! Am Ende des Tages baue ich mein Zelt ein weiteres mal am Rheinufer auf, beobachte Schhwaene und die untergehende Sonne, lese ein paar Seiten in meinem Buch und gehe schlafen. Am Folgetag erreiche ich endlich Koblenz. Es regnet. Und regnet. Und regnet. Meine Fuesse machen mir Sorgen. Wer kein gutes Fahrrad hat sollte wenigstens gute Schuhe haben. Meine Sandalen kommen aus Thailand und kosteten 100 Baht. Meine Trekkingschhuhe stammen aus Australien und heissen “Akupunktur” – Ich mag den Australischen Sarkasmus.

Bei einem Waschsalon will ich meine Waesche waschen, stopfe alles in eine Maschine, streue Waeschepulver drueber, und stecke meine letzten 10 Euro – in den letzten Tagen war das Wetter schlecht und das Jonglieren nicht lukrativ – in den Automaten, die dieser sofort auffrisst. Das Callcenter in Muenchen kann leider nichts tun, ich solle die Beschwerde schriftlich an die Zentrale nach Muenchen senden, und das Geld wuerde mir spaeter aufs Konto ueberwiesen. Der Techniker liegt im Krankenhaus und steht nicht zur Verfuegung. Auf die Aussage ich bin gerade unerwegs, und die 10 Euro waren meine letzten hatte mein Gegenueber nicht wirklich einen Loesungsvorschlag. “Gehn Sie doch einfach auf die Sparkasse und holen neues Geld ab.” Das Problem war das ich garkeine EC-Karte dabei hatte, und ja auch davon ausgegangen war ich wuerde mit sauberer Waesche und 7,50 Euro aus dem Salon laufen. Nun hatte ich komplett nasse dreckige Waesche und keinen Cent mehr in der Tasche. Draussen regnets… Ich will gerade davon fahren, da hat eine Stammkundin des Salons wie von Zauberhand einen Techniker aufgetrieben. Wieso kann die das, aber die Zentrale in Muenchen nicht? Der guckt nach, bekommt den 10 Euro-Schein auch nicht aus dem Blechkasten, aber drueckt mir 10 Euro aus seiner Geldboerse in die Hand. Ich bedanke mich mehrfach, wasche und trockne meine Waesche und stapfe zurueck in den Regen.

In Koblenz besuche ich die MS Wissenschaft, ein Forschungsschiff, das dort gerade vor Anker liegt. Da ist es trocken. Und interessant. Die Innenstadt ist ebenfalls sehr sehenswert. Genauso wie das Deutsche Eck mit einem grossen Kaiser Wilhelm Denkmal. Rhein und Mosel fliessen dort zusammen. Leider ist Koblenz derzeit eine einzige Baustelle, man bereitet sich auf die Bundesgartenschau 2011 vor.

Ich treibe mich bis 22 Uhr im Regen herrum, erst dann ist Kai zu Hause, der mich in Koblenz bei sich aufnimmt. Er ist Heilerziehungspfleger und ziehmlich KO von der Arbeit. Es ergeben sich interessante Gespraeche ueber das Leben, Politik, Umwelt, Ausbildung, kurz: Gott und die Welt.

Am 18. August mache ich mich auf in die Stadt. Da mein Budget gegen Null geht muss ich heute unbedingt Geld verdienen. Es regnet. Ueberall Baustelle. Laerm. Leute hetzen in Regenschirmen an mir vorbei. Ich treibe mich den ganzen Tag in der Stadt herrum, jongliere immer wieder sobald das Wetter schoener ist oder der Presslufthammer schweigt und arbeite mir so meine hoechste Tageseinnahme von 25 Euro zusammen. Die war aber auch noetig, vor allem weil ich nun dem Rhein weiter suedlich folge, und da kommt ausser alten Burgen und viel Natur erstmal nichts.

In der Mittagspause allerdings eine Katastrophe: Ich beisse in ein Frikadellenbaguette und verliere die haelfte meines linken Schneidezahnes. Das Ding wurde mir mit 8 Jahren mal geklebt, nachdem ich beim stolpern Bekanntschaft mit einer Waschbetonplatte gemacht hatte. Nun sieht das aber ziehmlich doof aus, und ist auch relativ unangehem. Da Sympatie beim Jonglieren und auch beim Fragen nach einer Uebernachtungsmoeglichkeit sehr wichtig ist es nun um so schlimmer, denn die Zahnluecke sieht echt scheisse aus! Problem an der Sache ist das ich derzeit garkeine Krankenversicherung habe – jaja, ich weiss, ist unvernuenftig. Ich ueberlegte kurz ins benachbarte Ausland zu trampen, aber stellte fest das auch dort mein Versicherungsschutz abgelaufen war.

Der Zahnarzt schaetzte die Kosten auf ca. 200 Euro, konnte sich aber noch nicht festlegen. Ich werde etwas tricksen muessen.

Aug 13 Neue Fotos….

Am Donnerstag den 12. August nahm mich einer der beiden Umwelttechnikstudenten mit an die Uni Bochum. Ein beeindruckendes Gelaende – und mit 32.000 Studenden eine der groessten und forschungsstaerksten Universitaeten Deutschlands. Es gibt ein eigenes Uni-Center Einkaufszentrum und nicht enden wollende Studentenwohnanlagen. Nach einem Besuch des Botanischen Gartens gings mit meinem Waegelchen und der U-Bahn in die Innenstadt.

Das Jonglieren war sehr erfolgreich. Eine Horde Kinder und eine Menge interessierter Leute. “Ich wuerde Ihnen ja gerne was geben, aber ich hab nix klein. Koennen Se wechseln?” – “Aber sicher dat!”

Nach erfolgreicher Arbeit baue ich meinen Fahrradanhaenger auseinander und fahre mit Pascal mit dem Auto von Bochum nach Bonn. Pascal habe ich zusammen mit ihrem Freund in Neuseeland kennen gelernt und die beiden haben regelmaessig meinen Blog verfolgt. Da Pascal an diesem Tag beruflich in Bochum war und im Internet gesehen hatte das ich ganz in der Naehe bin, baten mir die beiden eine Mitfahrgelegenheit und ein Sofa in Bonn an.

Am Abend geht mit den beiden auf Stadtfuehrung durch Bonn. Heute, am 13.  August, nehme ich die Stadt alleine noch einmal unter die Lupe und informiere mich noch einmal ueber guenstige Fahrraeder. Ich beschliesse nun aber definitiv zu Fuss weiter zu laufen.

Am “oeffentlichen Buecherregal” im Park decke ich mich mit einem neuen Buch ein. Bei diesem oeffentlichen Buechertausch kann jeder kostenlos Buecher mitnehmen, ausleihen, und natuerlich auch hineinstellen. Die Idee ist nicht wirklich neu, ich kenne sie aus Hostels und diversen Einrichtungen. Im Stadtpark ein wetterfestes Buecherregal zu finden ist fuer mich dann aber schon eine tolle Ueberraschung. Das schoene ist, dass das Regal so allen Bevoelkerungsgruppen 24 Stunden am Tag zur Verfuegung steht. Und es wird gut angenommen.

Am Abend gehe ich ins Kino. In Bonn sind die 16. internationalen Stummfilmtage.  Der Eintritt ist kostenlos. Auf einer Leinwand im Schloss flimmert ein Stummfilm von 1929, der live mit Pianomusik von Joachim Baerenz untermahlt wird.

Morgen frueh geht es nun am wunderschoenen Rheinufer entlang gen Sueden…