Kategorie: 9 Deutschland mit 0 Euro Budget

Aug 12 Kein Tag wie der andere.

Am Sonntag regnet es und Rowi sagt sein Aufritt im Park ab. Daher muss auch das Luftballonknoten ausfallen. Bei dem Wetter will ich auch nicht weiterradeln und beschliesse noch einmal in Dortmund auf Sightseeingtour zu gehen. Gegen 17 Uhr kommt die Sonne raus und ich will mich doch noch auf den Weg machen. Bis Witten ist es nicht weit, und dort gibt es sicher schoene Plaetzchen an der Ruhr.

Die Beschilderung dorthin ist mal wieder katastrophal. Ich habe das Gefuehl ich fahre vier mal um die Stadt bevor ich tatsaechlich auf den Richtigen Pfad komme. Dazu giesst es in Stroemen. Am Ende komme ich an. Es ist schon spaet – wo finde ich jetzt noch eine Uebernachtungsmoeglichkeit? Ein Gasthof am Ruhrufer faelt mir ins Auge. Die Betreiber sind 1-Euro-Jobber, wissen nicht ob ich hier mein Zelt aufstellen darf. Das Gelaende gehoert ja der Stadt, und wildcampen sei ja verboten…

“Probieren Sies doch bei der aelteren Dame am Haus da vorne…” Genau das tue ich, und die aeltere Dame hat selbstverstaendlich ein Plaetzchen im Garten, schliesst mir ein Aussen-WC auf und bietet mir an die Dusche zu benutzen. “Wir nehmen hier nix fuers Zelten, aber in letzter Zeit fragen oefters Leute. Wenn Sie vielleicht etwas fuers Wasser geben moechten? Geben Sie was Sie koennen. Legen Sies einfach in die Dusche. Und wenns 50 Cent sind ist das OK”.

Ich freue mich und stelle mein Zelt auf. Die Sonne geht unter, die Ruhr pletschert vor sich hin…Was fuer ein perfekter Abend. Ich lese noch etwas in meinem Buch und schlafe ein. Am naechsten Tag lasse ich 2 Euro im Bad zurueck.

Um Witten gibt es eine Menge alter Burgen, Zechen und Stollen. Auf einer Halde die zu einer Zeche gehoert arbeiten 2 Maenner. Ein Feuer brennt, das Tor steht halb auf. “Ist das hier oeffentlich?” “Ja, komm Se rein”. Ich wandere zwischen alten Kohlewagen, Stuetzstreben, Kompressoren durch die Gegend, aber fuehle mich ein wenig verloren. Ich will gerade gehen da fragt ein aelterer Mann “Und, kanna wat mit anfangen?”.

Ich aeussere ehrlich den Eindruck, ein paar mehr Schilder waeren hilfreich, und mein Gegenueber erklaert mir er sei gerade erst dabei die aufgestellten Gegenstaende zu beschriften. Also bekomme ich eine exklusive Fuehrung uebers Gelaende. Mein Gegenueber ist ein alter Kumpel, und hat sein halbes Leben unter Tage verbracht. Ab und zu verliert er sich in Fachchinesisch und ich muss jedes mal wieder nachfragen und stelle eine Menge dummer Fragen. Aber er ist mit Herzblut bei der Sache. Sogar ein alter Kompressor wird wieder angeworfen, und alte Saegen, Bohrer und Stanzer aus einer Zechenwerkstadt setzen sich wie von Zauberhand und mit Druckluft betrieben in Bewegung. Ich bedanke mich und breche auf gen Hattingen.

Dort will ich ein Fahrradladen aufsuchen. Ich weiss selbst das mein Radl nur suboptimal ist und moechte es mal checken lassen. Meine Knie brennen und schmerzen stark, und ich merke das das von der Tretbelastung her kommt. Ich fahre staendig in den untersten Gaengen, habe hohe Umdrehungen, den schweren Haenger. Die Knie sind nie ausgestreckt. So kann ich unmoeglich laenger weiterradeln. Das selbe Problem hatte ich bei der Radltour 2009 nach ueber einem Monat, und es wurde gegen Ende des zweiten Monats immer schlimmer. Dieses mal faengt es bereits nach 5 Tagen an. Das kann nicht gesund sein.

Ich betrete Fahrrad Worms in Hattingen. DIE Fahrradbauer fuer ein individuelles Fahrrad. Moechte wissen ob er mir mit einer hoeheren Sattelstange helfen kann damit meine Knie besser rundlaufen. Sich mal die Ergonomie des Radels angucken kann… Der misst, stellt fest “Ach son komisches Baumarktfahrradmass”, sieht sich das Radl genauer an und meinte dann, “den Scheiss gibt er sich garnicht”.

“Mit dem Rad biste auf Tour? Es gibt aber vielleicht auch immer Exoten unter euch. man man man”. ” Ne, da guck ich garnich weita. Dat bringt ja auch garnix. Du grosser Kerl auf dem Rad. Lass dich ma vermessen und seh zu dat dun richtiges Rad krichst, ne? Geldverschwendung hier. Schoenen Tach noch.”

Ich bedanke mich und verlasse Fahrrad Worms. Meine Laune is auf dem Tiefpunkt. Wie soll es weitergehen? Ich beschloss zunaechst in der Hattinger Innenstadt jonglieren zu gehen. Die Fussgaengerzone war leer und sah nicht vielversprechend aus. Aber die Leute die gaben, gaben gut. 10 Euro Stundenlohn.Das ist neuer Bestwert. Leider haben die Arme nach einer Stunde auch erstmal genug. Perfektes Timing, mein Gastgeber fuer heute Nacht meldet sich per Handy.

Damaris bietet mir eine Matratze im Wohnzimmer an, die ich allerdings mit ihren 2 Katzen teilen muss. Man gut das meine Katzenallergie sich heute zurueckhaelt. Damaris ist Mittelalterfan und versucht sich moeglichst gesund und selbst zu verorgen. Wir essen aus Holzschuesseln und Holzbechern, 3 Wachteln brueten auf dem Balkon ihre Eier, mal wieder ein interessanter Abend.

Von Hattingen geht es mehr zu Fuss wie auf dem Radl nach Essen weiter. Die Ruhrauen sind wunderschoen. Ein Erholungsgebiet zwischen den hetzigen Grossstadtzentren. In Essen werde ich das erste mal von einem Verwalter und Securitytypen vertrieben weil ich auf dem privaten Grund einer Mall stehe, aber die beiden bleiben freundlich dabei. Danach suche ich mir ein neues Plaetzchen. Das tuerkische Fernsehn TRT kommt und filmt mich, ich werde gebeten dem tuerkischen Volk noch ein “frohen Rammadan” wuenschen, der gerade anfaengt. Das laesst man sich immerhin 1 Euro kosten….

5 Kinder mit Migrationshintergrund klauen mein Geld aus der Muetze und verschwinden, aber ich kann die zurueckgebliebenen Kinder dazu ermuntern die “Diebinnen” wieder zurueckzuholen und das Geld wieder in den Topf zu werfen. Ich besichtige den Dom und mache mich auf den Weg zu Alex, meiner Uebernachtung.

Alex ist das universelle Allroundtalent. Hat Maschienenbau studiert, abgebrochen, ist Selbststaendig. Dazu ist er Kuenstler und ist politisch sehr aktiv.  Seine Wohnung versinkt unter Elektrotechnik, Modelbauautos und Kunst. Der Vermieter hat ihm wegen Unordnung gekuendigt. In seinem Zimmer steht ein grosses Schild mit der Aufschrift “Wer spendiert mir den Kirchenaustritt? Er kostet 30 EURO!” Nach eigenen Angaben hat er sich damit in die Essener Innenstadt gestellt und hatte in nur 90 Minuten die 30 Euro zusammen.

Der Abend ist einer der spannensten meiner bisherigen Reise. Alex und seine Aktionsgruppe haben vor 2 Wochen ein leerstehendes Haus des DGB besetzt um Freiraeume fuer Kunst ohne Geldzwang zu schaffen was ihnen ein deutschlandweites Medienecho einbrachte. Das Haus steht seit Jahren leer, und es gibt keine Nutzungsplaene fuer die Zukunft. Die Gruppe braucht kostenlosen Platz fuer Kunst, die kein Geld erwirtschaften muss – schliesslich fordert die Gruppe freie Kunst – und sah sich legitimiert das Haus dafuer einzunehmen.

Das tatsaechlich paradoxe ist das Essen und der Ruhrpott 2010 Kulturhauptstadt Europas sind, und versuchen mit viel Geld auf Knopfdruck Kunst, Kultur und Programm zu kreieren. Und dort ist eine unglaubliche grosse alternative Sszene der Kunst und Kultur die ausstellen moechte und hat kein Gebaeude. Tatsaechlich wird nun verhandelt, und ich hatte an dem Abend die Moeglichkeit auf einem Plaenum der Aktivistengruppe dabeizusein und tiefe Einblicke in eine interessante und vielseitige Szene zu erhalten.

Keiner von ihnen strebt spaeter ein konventionelles Leben an, von daher kann man sich auch erlauben mit den Projekten wie z.B. der Hausbesetzung in einer “legalen Grauzone” zu agieren.

Ich schliesse mein Radl bei Alex ein und laufe am 12. August zu Fuss von Essen nach Bochum. Meinen Anhaenger habe ich mit einem dritten Rad zu einem Buggy umgebaut Ich dachte mir das es ein langer Weg werden wuerde, aber er wurde laenger… In Bochum angekommen uebernachte ich bei zwei Umwelttechnikstudenden. Wir besuchen die Cranger Kirmis bei Herne, die groesste Kirmis Europas. Ich fahre Breakdancer und esse gefuellte Pizza. Mein Budget sinkt auf mikrige 27 Euro.

Aug 8 Jonglieren, ein Angler, Gott und die Welt, und ein schiefes Haus in Dortmund…

Morgens gehts weiter am Dortmund-Ems-Kanal in Richtung Dortmund. Der Weg besteht hauptsaechlich aus Umleitungen. Und so komme ich an Staedten vorbei von denen ich noch nie gehoert habe. Senden. Luedinghausen. Olfen. Datteln. In Luedinghausen stehen mehrere alte Schloesser die meinen Weg kreuzen. Eines ist heubsch renoviert, eines herruntergekommen, verlassen und mystisch. In Henrichenburg vor Dortmund steht ein altes Schiffshebewerk, eines der bedeutensten Europas. Ich besuche es und schleuse mich mal wieder als Schueler ein. Danach ist es 18 Uhr, und ich bin nur noch 10 km von Dortmund entfernt. Nun wirds schon wieder Zeit fuer einen Schlafplatz. Ich zelte wild am Kanal. Ein Angler wird mein Gespraechspartner fuer den Abend.

Er fuehrt mich tief in die Geheimnisse des Angelns ein: “Angeln tu ich garnicht nur wegen den Fischen. Manchmal will ich garkeinen Fisch fangen. Ich will mal raus von dem Stress von der Alten. Und den Kindern. Und son Fisch der macht auch Arbeit. Einfach nur hier sitzen und gucken. Na klar willste auch irgendwann was fangen.”

Heute siehts allerdings nicht gut aus. Seit 16 Uhr sitzt er hier und spannt aus, gleich ist es 22 Uhr. Dann ploetzlich: Einer seiner vollautomatischen elektronischen Fisch-Meldesirenen piept und blinkt. “Fehlalarm. Scheiss Kraut”. Und so bleibt es ruhig. Die Sonne geht unter. Wir essen Kolrabi. Irgendwann kommt ein kleiner Passagierdampfer mit Life-Jazzkapelle an Board und duempelt an uns vorbei….

Um 22:30 Uhr wuensche ich dem Angler noch einen schoenen Abend und viel Erfolg und verkrieche mich in mein Zelt.

Am 8. August gehts um 8:00 weiter nach Dortmund. Um 10 Uhr fruehstuecken im Stadtpark: Es gibt Raviolli. Mein Budget ist auf ein Allzeittief von 39 Resteuros gefallen. Heute muss ich was reissen. Es ist Samstag, da sollte doch was gehen. In der Stadt dann eine Menge proffesionelle Stassenkuenstler und unzaehlige Bettler. Hier werd ichs schwer haben. Ich baue mein Fahrrad an einem geeigneten Platz auf.

Gegenueber hat sich eine Kirchengemeinde positioniert, die eine Aktionswoche zum Thema: “Begegnungen mit Gott” durchfuehrt. Und so landet in meinem Hut auch schnell ein Flyer “Dein Weg zu Gott”. Ich bedanke mich und jongliere weiter. Irgendwann kommt auch Norman an meinen Stand und wir fuehren eine Diskussion ueber Radtouren, Radwege, und irgendwann begreife ich das auch er zu dem Verein von nebenan gehoert. Er erzaehlt mir von kranken Kameraden auf Radtouren die nach gemeinsamem beten auf wundersame Art genesen sind. Ob ich den interessiert sei seinen Gott kennen zu lernen? Wie ich zum glauben stehe? Ich erzaehle ihm das ich keinen besonderen Draht nach oben habe, zu viele Fragen, zu viele Zweifel, zu viel Skepsis, keinen realen Bezug. “Gott ist in dir, Gott ist hier, Gott ist ueberall. Gott hat das alles hier gemacht. Das ist doch toll. Ist es nicht schoen? Er haette eine Eisenbahn fuer sich bauen koennen, aber er hat die Welt erschaffen. Ist er nicht grossartig? Gott ist in Dir. Ich sehe ihn doch in deiner Lebhaftigkeit. So wie du hier stehst, deine Lebendigkeit. Er spricht durch Dich zu mir”

Ich beneide diese Leute. Immer opimistisch, Lebensfreude bis ueber beide Ohren. Voellig in ihrem Glauben aufgegangen. Mit sich und der Welt im Einklang. Beim gehen schubst Norman ausversehen mein Fahrrad um, und ich erwaehne das der Staender zu schwach und kurz ist. Da gehoert mal nen neuer dran. 5 Minuten spaeter kommt Norman mit 20 Euro in der Hand und steckt sie mir zu. “Fuern neuen Staender”. “Das kann ich doch nicht annehmen!”  ” Na klar, Gott hat mir grade zugefluestert das ich sie dir geben soll”. Nagut. Wenn Gott das sagt…

Irgendwann kommt eine Frau und will mich zu einem Casting fuer Schauspieler ins Holliday Inn schleppen. Herrlich. Was man hier fuer Menschen trifft, der Tag hat sich schon gelohnt! Irgendwann kommt dann ein Polizeibus. Ich werde ein wenig nervoes denn ich habe keine Genehmigung, wie man sie in einigen Staedten als Strassenkuenstler braucht. Er kommt naeher, stoppt und positioniert sich mir gegenueber. 8 Polizisten sitzen in ihm. Ich jongliere weiter. Irgendwann dann geht die Tuer auf: “Hey. Kannste das auch mit fuenf?”

Fuer heute ist genug Geld verient. Ich gehe nach Thaila und kaufe mir ein neues Buch. Titel: “Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten”. Ich verkrieche mich in einen Stadtpark als sich meine Unterkunft fuer heute meldet. Jenny! Warum immer Frauen meine Anfragen als erste beantworten habe ich noch nicht rausbekommen. Ich schreibe Maenner wie Frauen jeweils 50/50 an. Vielleicht sind sie spontaner.

“Ich wohn in dem schiefen blauen Haus”. Wie schief erkenne ich erst als ich ankomme. Es liegt in der Nordstadt. Auslaenderquote hoch, Erwebstaetigenquote niedrig. Jenny studiert und da ist die Wohnlage hier besonders attraktiv, weil billig. “Das ist eigentlich ganz cool hier. Unter uns wohnt noch ne WG, und unten die Vermieter. Die haben das Haus in den 80ern besetzt”. Was, echte Hausbesetzer also? Und die durften das dann behalten?

“Ja, die haben nen Verein gegruendet. Das ist und war hier ne Zufluchtstaedte fuer sozial Schwache und Hilfesuchende. Mit der Auflage den Verein im Haus weiterzufuehren wurde ihnen das Haus zugesprochen. Ausserdem hats eh Bergwerksschaeden. Ist hier alles untergraben. Deswegen ists ja auch so schief”. Das Haus rechts davon ist abgebrannt. Und wie schief das Haus wirklich ist merke ich erst als ich in der dritten Etage versuche gerade zu laufen. Huiiii. Die WG ist liebevoll renoviert und eingerichtet. Die haette ich hier oben nicht erwartet.

Aber Jenny hat noch eine Ueberraschung fuer mich: Sie ist fuer den Abend mit Rowi, ihrem Bekannten und gleichzeitig Berufszauberer, verabredet. Er zeigt mir nicht nur Jonglagetricks sondern weit mich auch in die Kunst der Feuerschows ein. Mit meiner Warnung, meine Bekannten wuerden saemtliches Feuer vor mir verstecken weil ich einen Hang habe alles in Brand zu stecken, meint er, dieser Hang waere Berufsgrundvorraussetzung. Heute kommt er ueberigens in Mittelalteroutfit verkleidet. Er uebt fuer eine neue Rolle. Von ihm lerne ich das Jonglage, Zauberei und saemtliches Strassentheater vor allem Entertainment ist. Und ich bin kein Entertainer, das weiss ich auch. Rowi nennt mich sogar spiessig.

Ich bin begeistert von diesem Menschen der mit dieser Arbeit seit taeglich Brot und Geld verdient und davon sehr gut leben kann. Er wird regelmaessig ueber Agenturen gebucht, tritt auf Festivals, Maerkten usw. auf. Im Alltagsgeschaeft verdient er sein Geld damit im Park Luftballons in Figuren und Tiere zu verknoten. Da er noch ein paar Luftballons ueber hat laed er mich am darauffolgenden Tag ein ihm fuer ein paar Stunden ueber die Schulter zu schauen und zu lernen. Natuerlich nehme ich an und verlaengere meinen Dortmundaufenthalt um einen Tag….

In der Stadt spricht mich ein Aboverkaeufer an: “Junger Mann. Jetzt die Zeit fuer Sie!” Zeit? Ne danke, davon hab ich genug.

Notgroschen: 50 Euro

Ueberschuss aus Jonglage: 3 Euro

Zur Verfuegung: 53 Euro