Kategorie: 9z Deutschland mit 0 Euro 2013

Mrz 29 März 2013

Ohne Geld durch Deutschland, Wintertour :-)

Es ist Anfang März, ich schließe die Tür meiner Wohnung in Köln und verlasse die Stadt ohne Plan in Richtung Autobahnraststätte Frechen Königsdorf. Das Wetter ist unerwartet mild – drei Grad und Sonnenschein. Auf meinem Rücken befindet sich ein 32 Kilo schwerer Rucksack mit Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kochgeschirr, Klamotten für die nächsten Wochen sowie drei brandneuen Jonglierbällen.

In den Sommermonaten der letzten Jahre war ich insgesamt über vier Monate ohne Geld in Deutschland unterwegs, habe theatralisch meine EC-Karte gezweiteilt und bin gewandert, geradelt und getrampt. Habe im Zelt und unter Felsvorsprüngen geschlafen, in Vorgärten, auf unzähligen fremden Couches und auf Bauernhöfen am Wegesrand. Ich habe mein Essen im Wald gesucht und in den Fußgängerzonen der Republik mein Geld mit Jonglieren zusammenverdient.

Und da ich auf meinen Reisen gern von meinen Erlebnissen erzähle, geriet ich letzten Sommer eines Tages an Norbert, der mich in seiner Mercedes C-Klasse gemütlich durch die Rhön chauffierte und unbeeindruckt und emotionslos sagte: „Du bist doch auch nur so ein Schönwetter-Vagabund, mach das doch mal im Winter, da ist’s schnell vorbei mit der Spinnerei“.

Und nun stehe ich da, bereit den Versuch zu wagen. Auch wenn ich gerne Herausforderungen annehme war es nicht unbedingt Norbert sondern vielmehr mein Freiheitsdrang der mich motivierte mich wieder auf den Weg zu machen. Trotzdem bin ich selbst gespannt wie lange ich als Schönwettervagabund mit Mütze und Handschuhen nun durchhalte.

Auf den Kölner Ringen herrscht am Montagmorgen gähnende Leere. Am Rudolfsplatz schlafen die Penner noch über einem warmen Lüftungsschacht ihren Rausch aus, ein kreativer und kritischer Kopf hat über ihnen aus dem Schild mit der Aufschrift „Plakate ankleben verboten“ die ersten Buchstaben entfernt. „leben verboten! – Zuwiderhandlungen werden Strafrechtlich verfolgt“.

Auf dem Autobahn-Rastplatz Königshof strecke ich an der Auffahrt meinen Daumen in den Wind und ein Brummifahrer bringt seinen Lastzug mit quietschenden Reifen zum Stehen. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg Richtung Aachen. Bei dem Blick aus der Führerkabine nach draußen sehe ich den ersten großen Zugvogelschwarm über uns hinwegziehen. Schon in drei Wochen wird Frühlingsanfang sein…

Jürgen, mein Brummifahrer, ist ein gemütlicher aber resoluter Typ der seinen Job liebt. Nach Aachen direkt kann er mich nicht fahren, denn er fährt auf der Autobahn auf kürzestem Wege ins benachbarte Ausland. Wir stoppen vorm Grenzübergang um eine Vignette für seinen Brummi zu kaufen. Jürgen betritt die Aral-Tanke, pfeift einmal mit den Fingern zwischen den Lippen und stellt fest: „Ich brauch hier einen Fahrer nach Aachen Zentrum, für meinen Tramper, am besten sofort!“. Hans-Georg, ein gut gekleideter und eher schüchtern wirkender Mann tritt aus der Kassenschlange und meldet sich. Danke Jürgen, so macht man das!

Hans-Georg lädt mich zwei Kilometer vom Zentrum ab, den Rest laufe ich und erkunde Aachen. Die Stadt ist voll von umherschlendernden Menschen, es ist der erste warme und schöne Tag des Jahres, das Thermometer zeigt unglaubliche 12 Grad. Ich wechsle von der Winterjacke zum T-Shirt, beginne zu jonglieren und verdiene mir mein erstes belegtes Brötchen sowie das Proviant für die nächsten 1-2 Tage zusammen.

Nick sammelt mich schließlich am Aachener Dom ein, er ist mein Couchsurfer für heute Nacht und lebt etwas außerhalb auf einem Hügel vor der Stadt in einem Haus, das zu Zwecken niederer Wohnkultur abgerissen werden soll, wie er es selbst gern beschreibt. Aus Protest hat er all seine Wände mit Zeichnungen und Zitaten bemalt, und auch ich darf mich ebenfalls verewigen. Ich male einen Jongleur, ein Zelt und einen Rucksack, und verziere die Wand mit einem Filmzitat: „It’s not important to be strong, but to feel strong.“ Nick ergänzt eine Wand weiter: “Therefore, it’ s not important to be free, but to feel free”

Am nächsten Morgen füttert Nick vom Wohnungsfenster aus „seine“ Schafe. Ein Nachbar hatte Mitleid und hat die alten fußlahmen Tiere vorm Schlachthof gerettet. Nun kauen sie genüsslich Salatblätter.

Ich verabschiede mich von Nick und von Aachen, mache mich auf den Weg nach Trier, und stehe schon früh am Tag mit dem Daumen in der Sonne. Weil die Strecke über deutsche Autobahnen ein großer Umweg wäre, hatte ich am Morgen die Idee durch Belgien zu trampen. Eine dumme Idee! Den ganzen Tag verschwende ich für wenige Kilometer, und stehe schließlich mit einer Taschenlampe, einem leuchtenden Daumen und einem angestrahlten Pappschild mit der Aufschrift „Richtung Trier“ in der Dunkelheit der Nacht im Grenzgebiet.

Die belgische Grenzpolizei lässt nicht lange auf sich warten und führt eine Pass-, Drogen- und Waffenkontrolle durch. Schließlich bremst ein Mercedes und fährt hektisch rückwärts die Auffahrt wieder hoch. In ihm ein slowakisches Pärchen das gerade nach Deutschland gezogen ist. Wir sind gerade wieder auf der Bahn, da hat der deutsche Zoll auch schon eine Straßensperre errichtet. Und nachdem alle anderen durchgewunken wurden, ist den Polizisten die Konstellation unseres Trios dann doch zu schräg.

Ein Kölner Backpacker der von Aachen nach Trier durch Belgien will, mit einem aus Amsterdam kommenden slowakischen Pärchen im belgischen Grenzgebiet mit einer in der Eifel gemeldeten Mercedes Oberklasse. Pässe her, Kofferraum auf, „was haben wir denn da drin?“. Der arme Slowake kommt ins Schwitzen, er hat Angst etwas falsch gemacht zu haben. „Ich dachte ich darf ihn mitnehmen“, sammelt er in gebrochenem Deutsch und zeigt verlegen auf mich. Die Polizei wirkt beschwichtigend, während die anderen Beamten die „Lage checken“ verwickelt uns ein anderer netter Polizist in ein Gespräch über mein Geographiestudium und das Leben in der Slowakei.

Nach weiteren 40 Kilometern verabschiede ich mich von den Autofahrern und stehe wieder in einer sternenklaren Winternacht, in einem kleinen Dorf, irgendwo noch 60 Kilometer von Trier an einem verlassenen Kreisverkehr. Ein Polizeibulli auf Streife stoppt und fragt nach meinen Papieren. „Das ist die dritte Kontrolle heute Abend“ seufzte ich, und beginne in meinem Rucksack zu wühlen, worauf der Polizist meint: „Ach weißte was Junge, lass stecken, gute Nacht, zwei Mal reicht“. Eine Audi TT-Fahrerin rettet mich schließlich und bringt mich an mein Ziel.

Nachts in Trier: Ich irre an der Mosel zu Marie, meiner Übernachtungsmöglichkeit. Es gibt noch was zu Essen. Selbst gebackenes Brot und Aufschnitt. Am nächsten Tag spielen Marie und ihre Freundin für mich Touristenführer, und gehen mit mir auf Stadtführung. Außerdem treffe ich Lea, die gerade aus Lettland zurückgekehrt, und nun ebenfalls per Anhalter in Trier angekommen ist. Sie hat mit ihrer Freundin im Februar bei mir in Köln gecouchsurft, und da wir gemerkt haben das wir was die Art des Reisens angeht auf einer Wellenlänge sind, haben wir uns vorgenommen ein paar Tage gemeinsam weiterzureisen.

Nachdem alle Touristenhighlights von der Porta Negra bis zur Moselbrücke abgeklappert worden, jongliere ich ein paar Cent zusammen, aber in Trier herrscht relativ tote Hose. Bei Marie wird am frühen Nachmittag angegrillt, im Garten kommen bereits erste Krokusse durch den vom Schnee strapazierten Gartenboden.

Unsere anschließende Autofahrt endet abenteuerlich, da uns „Tattoo-Andy“ beim trampen mitten auf einer Autobahnkreuz-Insel rauslässt, welche er mit seinem 4-Wheel-Drive befährt. Ich war so perplex, das ich nicht einmal protestierte. Ich war immer überzeugt gewesen so etwas würde mir nie passieren, und nun habe ich mich doch noch von einem Autofahrer auf der Autobahn aussetzen lassen. Ich Amateur! Die Herausforderung bestand erst einmal darin die mäßig frequentierte Autobahn zur überqueren, um dann zu realisieren, dass hier im Dämmerlicht des Abends garantiert niemand anhalten würde. Außerdem riskierten wir gerade eine mehrere 100 Euro hohe Geldstrafe, und waren vermutlich schon auf irgendeinem Radiosender zu hören: „A7, Achtung, zwei Idioten auf der Fahrbahn. Wir informieren Sie sobald die Polizei die Trottel von der Bahn geholt hat“.

Durch eine Tür im Wildzaun entkamen wir der Autobahn und landeten im dichten Unterholzgestrüpp des angrenzenden Waldes. Es war völlig aussichtslos die zwanzig Kilometer bis zur nächsten Ausfahrt an der Bahn entlang zu laufen, denn es war mittlerweile stockdunkel, der Boden matschig und die Äste unter denen wir uns durchschlängeln mussten auf Bauchhöhe. Die Einladung an eine Übernachtung im gemütlichen Zelt lehnt Lea ab, sie ist fest davon überzeugt heute Abend noch Saarbrücken zu erreichen, denn dort wartet eine Couch für uns. Und ich dachte ich wäre optimistisch.
Wir landen schließlich auf einem Wald- und Wiesenweg auf dem sich nach einer Weile wie zufällig zwei Scheinwerfer ihren Weg durch die Nacht bahnen. Nie im Leben hätte ich diesen Wagen hier gestoppt, aber Lea, weiblich, jung und ungefährlich wirkend, schafft es, dass der Familienvater der gerade seinen Sohn vom Fußballtraining abgeholt hat und diesen Schleichweg fährt uns bis in die Zivilisation mitnimmt.

Doch was nützen Zivilisation, ein Dorf, ein paar Häuser und eine Straßenlaterne, wenn man eigentlich nach Saarbrücken möchte? Zivilisation ist nun sogar eher Kontraproduktiv, denn wenn man nicht gerade einen Bauernhof findet auf dem man sein Zelt aufschlagen kann, ist das übernachten hier schwieriger als im Wald. Wir entdeckten auf einer Karte einen abgelegenen Parkplatz auf der Autobahn und laufen nun auf einer Bundesstraße Richtung Ziel um die Autobahn über den Parkplatz wieder zu erreichen.

Warum hat der liebe Gott die topografischen Karten erfunden? Richtig: Weil er irgendwo die geniale Idee der Höhenlinien geschickt unterbringen wollte. Was auf unserer Karte wie eine Ebene wirkte, entpuppte sich als steile Böschung, die Autobahn irgendwo 200 Meter über uns. Wir krabbelten und kletterten den matschigen Hang nach oben, überwanden mehrere Wildzäune und hievten erst die Rucksäcke und dann uns über die Absperrungen. “Und, was siehst du?“ fragte ich Lea, die mir mit ihrem kleinen Rucksack um zehn Meter voraus war. „Ich sehe nichts“.

Ein menschenverlassener Parkplatz. Keine Tankstelle, nicht einmal ein Toilettenhäuschen. Nur zwei morsche Holzbänke, und ich begann mir mit meinem Kocher eine Packung Instantkartoffelbrei zu machen. Das Leben ist schön. Stille.
„Da kommen Scheinwerfer! Da kommen Scheinwerfer“. Aufspringen, hinlaufen! Der Fahrer der bereits die Autotür geöffnet und den linken Fuß auf dem Boden gestellt hatte ist bei dem euphorischen gekreische der beiden wilden aus dem Dunklen der Nacht so irritiert, das er das Gas durchdrückt bevor er die Tür wieder richtig geschlossen hat. Falsche Strategie. Armer Autofahrer. Er wird nachts nie wieder verlassene Rastplätze aufsuchen…

Schließlich sammelt uns ein Rentner ein, bei dem eine Menge Überzeugungsarbeit durch Leas beschwichtigende Worte nötig war. Denn früher sei er Brummifahrer gewesen und sei von Trampern ausgeraubt worden, berichtet er. Schließlich geht die Zentralverrieglung auf, wir steigen ein und erreichen gegen 22:00 Uhr Saarbrücken. Als Dankeschön gibt’s für unseren Fahrer Wolfgang Tramperschockolade. Ein Ritual, das Lea bei ihren Tramper-Touren in der Vergangenheit etabliert hat und was mir sehr gefällt. Jeder Autofahrer bekommt eine kleine Schokolade als Dankeschön. Auch Wolfgang freut sich. „Mensch, es gibt ja doch noch anständige Menschen“

Über die Saar laufen wir zu Fuß durch die Nacht zu unserer Gastgeberin Julia und gehen im „Bermhudadreieck“ etwas trinken. In einer kleinen urigen Kneipe wird ein betrunkener und schlafender Jugendlicher gerade von seinen „Freunden“ mit einem Edding dekoriert. Als er nach einer Stunde aufsteht und sich fragend am Kopf kratzt verlässt er die Bar mit Hitlerbärtchen und Penissen und Herzchen im Gesicht. Böse.

Wir gehen mit Julia containern, das heißt wir besorgen uns unser Abendessen aus den Müllcontainern hinterm Re**. Da gibt es tütenweise bestes Zeug, Brot, Joghurts, Obst, Gemüse, Milch und vor allem viel mehr als wir tragen können. Danach kochen wir etwas mit den erbeuteten Zutaten und verstauen den Rest in unserem Gepäck, um für die nächsten Tage gut versorgt zu sein.

Zum Containern sei gesagt, das Menschen dies aus den unterschiedlichsten Motiven tun, obwohl es in Deutschland grundsätzlich nicht straffrei ist, und man sich eher in einer gesetzlichen Grauzone bewegt. Man klaut nämlich dem Entsorger, nicht dem Supermarkt, den Müll den er zu verwerten hat aus der Tonne.

Neben dem finanziellen Aspekt sind Gründe für das Containern z.B. Aspekte wie der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln, Umweltschutzgründe, Pragmatismus oder einfach Spaß und Neugierde. Ich habe auf dieser Reise das erste Mal containert, und habe persönlich keine Gewissensbisse oder moralische Bedenken. Viel schlimmer finde ich es, das noch haltbare und völlig essbare Lebensmittel weggeschmissen und vernichtet werden.

Ich schlafe in einer Hängematte im Wohnzimmer von Julias WG, während Lea die Ledercouch in Beschlag nimmt. Am nächsten Tag jongliere ich in Saarbrücken ein paar Euros zusammen, zwei pubertäre Assis kommen und klauen mir zwei Bälle und mein Geld. Zufällig erwischt Sie eine Fotokamera. Anzeige bei der Polizei Saarbrücken, Fahndungsfotos werden erstellt, sachdienliche Hinweise bitte an die örtliche Polizeidienststelle.

Mit den restlichen Bällen jongliere ich mir 10 Euro zusammen, denn ich möchte am Abend mit Lea und Julia ins Wonga in Saarbrücken. Ein australisches Restaurant, in dem ich einen Krokodilburger ausprobieren will. Krokodil, so sagt man, schmeckt wie ein Fisch mit Identitätskrise, der sich für ein Hühnchen hält. Lecker.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg. Wo wir hinwollen wissen wir nicht. Irgendwie Richtung Saarlouis. Und dann? Wir lassen uns treiben. In Saarlouis sind wir recht schnell, wir laufen die letzten Kilometer an der Saar in die Stadt, welche zwar schön ist, aber ungefähr den Unterhaltungswert eines schimmligen Toastbrotes hat. Im Nieselregen 5 Euro zusammenjonglieren und schnell wieder auf die Bahn.

Wir erfahren von unseren nächsten Autofahrern von der berühmten Saarschleife bei Mettlach, und nehmen uns vor sie noch heute zu erreichen. 5 Autofahrer und eine ganze Weile später stehen wir in Orscholz auf der Terrasse eines kleinen Holzaussichtspunktes und blicken über die Saar und die umliegende Region. Wir beschließen hier unsere Schlafsäcke auszukramen und schlafen auf einer Bank, nachdem die wenigen anderen Touristen die Aussichtskanzel verlassen haben. Es gibt Instantkartoffelbrei. Das Leben ist schön. Stille.

Am Morgen weckt uns erst ein Specht, dann wecken uns neugierige Rentner, die sich unter Strapazen aus einer nahegelegenen Kuranlage hierher gerobbt haben. Wir wissen nun also wo wir uns frisch machen können. Abwechselnd schleichen wir uns auf die sanitären Anlagen der Rehaklinik, und verlassen Orscholz frisch und sauber mit einem Ford Kombi in Richtung Norden.

Wir trampen zurück Richtung Trier und bewegen uns dann an den Moselschleifen nach Koblenz. Was für eine schöne Gegend. Irgendwann wechseln wir auf die Autobahn und erreichen vor der Dämmerung Koblenz. Wir sehen die Sonne vom deutschen Eck aus untergehen wo die Mosel in den Rhein fließt und der Kaiser Wilhelm über dem deutschen Eck thront. Dann bestaunen wir Koblenz bei Nacht von der Festung Ehrenbreitstein auf der anderen Rheinseite aus und warten auf den nächsten Morgen, der uns nach Würzburg bringen soll.

Raus aus Koblenz wird zur Nervenprobe. Regen, schlechte Auffahrten, keine Autos, nicht mal Samstagsverkehr. Wir schummeln und fahren mit dem Bus nach Montabaur. Auch hier verkehren kaum Autos, doch dann sammelt uns ein Türke ein und nimmt uns mit auf die Bahn. Wir erreichen das Örtchen Opferbaum, Leas Heimatdorf, und ich übernachte eine Nacht dort, bevor ich mich am Tag darauf nach einer Stadtführung von Lea wieder alleine auf den Weg mache. Lea muss wieder arbeiten. Ich habe Semesterferien.

Ich erreiche am Abend Nürnberg und jongliere im Dunkeln in der festlich beleuchteten Altstadt. Ein Edler Spender steckt mir 10 Euro zu und bietet mir eine Couch an, aber ich habe noch ein besseres Angebot erhalten. Ich gehe in den Aldi und kaufe mir Instantkartoffelbrei. Das Leben ist schön. Stille.

Ich trampe am folgenden Tag nach Bamberg. Als ich ankomme beginnt es zu schneien. Große dicke Flocken fallen auf Menschen, Autos und Häuser. Schon nach wenigen Stunden sind die meisten Konturen verschwommen, Bamberg versinkt unter einer dicken weißen Decke. Ich übernachte bei Marie, einer Kunststudentin. Von allen Wänden lächeln mich Portraits von musizierenden französischen Straßenkünstlern an. Marie hat Talent.

Nachts male ich Schneeengel in die dicke Schneedecke, auch hier gehen wir vorm Schlafen gehen noch eine Runde containern. Marie sagt, dass sie seit 2 Jahren kein Geld mehr für Lebensmittel ausgegeben hat, doch heute ist die einzige Ausbeute ist eine große saftige Orange.

Auf nach Bayreuth, der Schnee ist Hoch, die Menschen bleiben zu Hause. Ich jongliere mir mäßigem Erfolg und gehe durch die Parkanlagen der Stadt spazieren, in denen sich die Eichhörnchen um die ausgebuddelten Nüsse streiten.
In der Stadt ist eine Umweltstiftung auf Fundraising-Tour. Ich treffe sie bereits in der dritten Stadt auf dieser Tour und komme auch heute nicht an Melanie vorbei. Melanie ist motiviert, bei der Sache, und sie hat Argumente. Ich frage sie nach einer Weile ob ich so aussehe als wäre ich nun gerade der Richtige, um ihr und ihrem Verein den ersehnten Spendencheck auszustellen. „Ach, dann erzähl mir doch noch ein bisschen von deiner Reise, die Leute hier und heute sind so ätzend, ich verspreche auch: Ich will dir kein Abo mehr andrehen.“

Ich übernachte bei Johann, mit dem ich mir am Nachmittag mehrere Rennen Supermario-Kart auf der Spielekonsole liefere, bevor wir abends das Bayreuther Festspielhaus besuchen. Hätte ich nicht gewusst was es darstellen soll, ich hätte es auch für eine Lagerhalle halten können und habe etwas Imposanteres erwartet. Ich werde auf ein Zwick`l, ein Bayreuther Bier, ins Canape eingeladen, ein starkes schweres Bier. Damit lässt es sich gut einschlafen.

Am nächsten Tag besteht die große Herausforderung aus Bayreuth heraus zu kommen. Ein schwieriges Unterfangen, denn sämtliche Autobahnauffahrten werden durch Schnellstraßen erreicht die mit Leitplanken versehen sind, oder auf denen sich ein Fußgänger erst gar nicht aufhalten darf. Ich verbringe den ganzen Tag, in dem ich immer wieder neue Standorte ausprobiere und mehrmals von Nord nach Süd durch die Stadt laufe. Bevor mich das erste Auto mitnimmt, bin ich bereits mehr als 20 Kilometer gelaufen.

Auf einer Autobahnraststätte suche ich einen neuen Fahrer. Wenn man an Tankstellen Menschen anspricht, statt nur mit dem Daumen an der Auffahrt zu warten kann man auch Leute erreichen, die sonst eher nicht angehalten hätten. „Fahren Sie vielleicht Richtung Leipzig und könnten mich mitnehmen?“ „Ja, prinzipiell schon, wenn du brav bist?“ Mein Autofahrer, ein junggebliebener Rentner, hat Rennhandschuhe an und fährt einen Mercedes der Oberklasse. Die Zeit die ich den Tag in Bayreuth vertrödelt habe holen wir zügig auf. Der Ingenieur, der früher bei Siemens gearbeitet hat und sich seinen Mercedes nach eigenen Angaben durch ehrliche und harte Arbeit verdient hat, liefert mich zügig in Leipzig ab bevor er sich verabschiedet, den Tempomat neu justiert und sich wieder auf die Bahn nach Berlin begibt…

Ich irre durch Leipzig. Jemand hat vor dem alten Postgebäude die Worte „KOM“ geschrieben. Schon von weitem ist „KOMPOST“ zu lesen. Der Schnee der letzten Woche beginnt langsam zu schmilzen, die Menschen haben die Oberhand über das matschige Nass zurückgewonnen und verstopfen wieder die Straßen. Die großen Gebäude, das Rathaus, die Kirchen, sind festlich und Prachtvoll beleuchtet. Die Stadt hat Charme.

Ich treffe mich mit Ella, die mir eine Couch angeboten hat. Da sie Chorprobe hat, darf ich ihr und ihrem Chor zuschauen. Der Gesang des gemischten Kurses verursacht eine Gänsehaut. Später landen wir in einer kleinen Bar, essen Kartoffelecken und philosophieren über das Leben. Eine weitere Couchsurferin landet spontan auf Ellas Couch, sie ist Lektorin und hat am folgenden Tag einen Termin auf der Buchmesse.

Ich bleibe auch am nächsten Tag in Leipzig und beschließe etwas aus Leipzig herauszuwandern und einen großen Badesee zu erkunden, der aber im Moment noch mit einer großen Eisschicht und Schneemassen bedeckt ist. Dann jongliere ich. Am Abend wechsle ich meinen Gastgeber und damit auch die Couch. Ich werde von Pascal eingeladen. Er lebt zusammen mit seinem Freund in einer Gründerzeitenvilla im Herzen von Leipzig. Ich habe ein eigenes Gästezimmer und kann sagen, dass ich noch keine Nacht auf der Reise so gut geschlafen habe.

Am Morgen zeigt er mir noch die prächtige Bibliothek der Universität. Die Kölner würden vor Neid sicher ganz grün, hätten sie so etwas Schönes schon einmal gesehen. Dann besuchen wir das Karl-Marx-Bildnis, welches der Oberbürgermeister der Stadt vom früheren „Karl-Marx-Platz“ abmontieren und dreiteilen ließ. Erst nach Protesten wurde es nun auf einer Rückseite einer Halle der Sporthochschule wieder aufgestellt. So versteckt man die eigene Geschichte.

Pascal lädt mich auf das Völkerschlachtendenkmal ein. Ein Imposantes Bauwerk, welches gerade von privaten Trägern renoviert wird, da die öffentlichen Geldgeber dieses imposante Bauwerk das bereits 300 Jahre alt ist nicht unterstützen wollen, da es in der Nazizeit von Hitler für Aufmärsche und zur Instrumentalisierung der Massen benutzt wurde. Was aber kann das Völkerschlachtendenkmal dafür? Für mich schon wieder ein Versuch die eigene Geschichte zu verstecken statt sie aufzuarbeiten.

Pascal setzt mich schließlich kurz vor der Autobahn aus, und ich bin am Nachmittag schon in Göttingen. Volker, ein Abiturkollege, nimmt mich auf und wir bestellen Pizza. Schon am nächsten Tag lande ich in Kassel. Ich bin entschlossen nach Köln zurückzukehren, denn schon morgen ist Frühlingsanfang. Schnee löst Schneeregen ab, Schneeregen wird zu Regen. Der deutsche Frühling lässt sich nicht aufhalten, der Regen wird wärmer…

Zu Hause angekommen ist der Kühlschrank leer. Ich schaue in meinen Rucksack und entdecke einen letzten Instant-Kartoffelbrei. Ich setze mich auf den Balkon, schmeiße den Kocher an und mache mir einen Instantkartoffelbrei. Stille. Nein doch nicht. Ein leises aber selbstbewusstes „Tschiiiirp“ von hinten links.

Die Tauben haben während meiner Abwesenheit auf dem Balkon Eier gelegt. Ich habe neue Mitbewohner. Das Leben ist schön, meistens….

Danke! Auch diese Tour wäre ohne die vielen Autofahrer und Couchsurfer sowie die vielen Menschen die mir beim Jonglieren ein paar Münzen in den Hut geworfen haben oder die mich anderweitig unterstützt haben nicht möglich gewesen. Ich ziehe meinen Hut vor Euch, bedanke mich von ganzem Herzen und hoffe auf ein Wiedersehen.