Feb 3 Alles easy…

Am 15 Januar suchte ich einen Anbieter für Kanutouren durch den Wanganui-Nationalpark auf. Da der Wanganuifluss eine Menge Stromschnellen hat, die manchmal auch gefährlich werden können hat er mir gesagt ich solle nicht alleine rudern. Für den 16. hatten sich bereits drei andere Teilnehmer angemeldet und ich beschloss mich der Gruppe anzuschließen und tat am 15. Januar mal garnichts.

Ich fragte den Anbieter noch ob er eine tolle Location für einen Overnightstop für die Nacht wüsste, und er bat mir an kostenlos auf seinem Grundstück das direkt am Fluss liegt zu schlafen. Perfekt. Und mal wieder sehr gastfreundlich. Gegen Abend kam einer seiner Söhne(Josch, 16) runter an den Fluss und ging fischen. Da ich ihm erzählte ich habe noch nie gefischt, würde aber gerne mal, brachte er mir eine kleine Angel mit und brachte mir kurz die Wurftechniken bei .

Nach einer Stunde hatte ich zwei dicke Regenbogenforellen gefangen und er ging leer aus. Anfängerglück! Aber was soll ich nun damit anfangen? Ich bat ihn mir zu zeigen wie ich den Fisch zubereite und wir machten uns auf dem großen Grundstück mit dem Auto auf zum Haus wo er mir dann voller stolz zeigte was bereits er von seinem Vater gelernt hatte. Wärend er die größere Forelle mit gekonnten Handgriffen zerlegte und mir jeden Schritt genau erklärte machte ich ihm jeden Schnitt an der kleineren Forelle nach. Ein paar seiner noch jüngeren Geschwister, insgesamt hatte die Familie 6 Kinder, guckten ihm teils skeptisch, teils begeistert zu.

Am Ende standen wir 3,5 Stunden in der Küche und bereiteten den Fisch in allen nur möglichen Arten zu. Es gab Regenbogenforelle gebraten, gekocht, fritiert, paniert und dann fritiert und als Fish&Chips. Ich durfte anschließend entscheiden was am besten schmeckt. Es war nun schon 23:00 Uhr und wir beschlossen schlafen zu gehen. Die Küche sah aus wie ein Saustall und ich hatte ein bisschen schlechtes Gewissen. Josch aber stellte eine halbe lecker fritierte Regenbogenforelle auf den Tisch und sagte „Den Rest macht Mama, dafür kriegt sie ja auch was zu Essen. Das ist der Trick“. Ich widersprach nicht, fuhr mit meinem Van runter an den Fluss und schlief ein…

Am 16. Januar gings dann los. Als ich morgens das Haus betrat herschte wildes Treiben. Ein gesunder Famlienbetrieb, und jedes Familienmitglied wird mit eingespannt. Selbst die elfjährige Rosalie nimmt selbstständig und selbstbewust Anfragen und Buchungen entgegen. Es geht auf zur viertägigen Kanutour durch den Nationalpark.

Meine Gruppe bestand schließlich aus drei Deutschen. Ein Mediziner mit Testosteronüberschuss und zwei Mathematikstudentinnen: Keine gute Mischung! Das Hauptziel am ersten Tag (und auch an den folgenden Tagen)bestand darin zu testen wer der drei im sonst so stillen Nationapark am lautesten „Penis“ schreien konnte. Ich zog es also ab dem zweiten Tag vor alleine zu rudern und verabredete mich mit den dreien jeden Abend für eine Hütte entlang des Flusses. Sollte ich nicht auftauchen können sie immer noch einen Ranger aufsuchen oder über eine der wenigen Notrufstationen einen Hilferuf absetzen. Wenn hier etwas passiert dauert es sowieso Stunden bis ein Notruftelefon erreicht ist, geschweige denn der Hubschrauber jemanden gefunden hat.

Gesagt getan. Gute Idee. Toller Nationalpark. Wenn man da so hingleitet, die Natur rauscht links und rechts an einem vorbei, könnte man denken man sei der letzte Mensch auf Erden. So friedlich. So unberührt. Kleine Wasserfälle plätschern links und rechts in den Wanganuifluss, ein paar Ziegen stehn am Ufer. Einmal bin ich in einer Stromschnelle gekentert. Garnicht so einfach sich bei der Strömung um Boot, Paddel und sich selbst zu kümmern. Nach 5 Minuten erreichte ich eine Stelle an der die Strömung so schwach war das ich das Ufer erreichen konnte und mein Boot neu beladen.

Vom Whanganui Nationalpark gings am 19. nach Taurangi, einer kleinen Stadt die ich schon einmal kurz durchquert hatte. Taurangi ist die Hochburg der Regenbogenforellenfischer. Ich wanderte zwei kleinere Wanderwege ab und schaute ein paar Fischern beim fischen zu. Ich muss sagen das ich die letzten Tage das erste mal so etwas wie eine tiefe Zufriedenheit einstellt. Ich lasse mich einfach treiben…

Am 20. Fahre ich von Taurangi wo ich am Fluss übernachtet habe eine 150km lange Straße Richtung Napier. Ich ignoriere das Schild „Straße für Caravans nicht geeignet, keine Tankstellen, keine Werkstätten, nicht geteerte Teilstücke“ und fahre durch ein von Schaf- und Rinderherden geprägtes Stück Neuseeland. Nur ab und zu kommt eine kleine Farm. Und dann kommt eine Schotterpiste die es in sich hat. Aber der Van meistert schließlich alles Problemlos. Ich fahre bis zu einem großen Waldpark und finde durch Zufall einen kostenlosen DOC-Campingplatz. Niemand, außer zwei Holländern ist da, ich gehe am Fluss schwimmen, sonne mich, mache eine kleine Wanderung auf einen Berg, genieße die Aussicht, und machte Abends mit den beiden Holländern ein Feuer.

Am 21. fahre ich weiter nach Napier und lerne auf einem Parkplatz am Meer ein paar andere Leute kennen die auch mit dem Van unterwegs sind. Hier in Napier machen eine Menge Leute mit ihren Vans halt. Erstens weil es hier recht schön ist, und auch weil viele hier auf Arbeitssuche als Fruitpicker gehen. Es bildet sich eine Gruppe von 6 Leuten herraus und wir sitzen Abends an unseren Vans, kochen, tauschen Reiseerlebnisse aus, gehen zusammen bei einer deutschen Bäckerei einkaufen, wandern zum Cape Kidnappers und haben einfach nur Spaß. Ich bleibe drei Tage hier und genieße einfach den Tag und die Gesellschaft, bevor ich beschließe mich am 24. gegen Mittag auf den Weg in den Ruewera Nationalpark zu machen. Ich verabschiede mich von den anderen die heute teilweise auch weiterziehen, kaufe einen Großvorrat im Supermarkt ein, tanke voll und knattere los. (Mein Auto macht wieder neue Geräusche, aber es fährt!)

Ich mache Pause an einem kleinen See bevor ich gegen Abend im Urewera-Nationalpark ankomme. Herzstück des Nationalparks ist der See Waikaremoana. Ich suche mir ein nettes Plätzchen für die Nacht und beschließe am nächsten Tag auf eine viertägige Wanderung zu gehen.

Am 25. regnet es, aber ich mache mich trotzdem auf zum Visitorcenter um mich über den „Great Walk“ den ich um den See laufen möchte zu erkundigen und um den Wetterbericht einzuholen. Mir gegenüber steht iemand den ich für einen Maori halte, aber ich habe das Gefühl da stimmt was nicht. Die Wangenknochen sind viel zu kantig. Egal.

Er fragt zwar wie er mir helfen kann, ich habe aber das Gefühl er ist nicht besonders motiviert. „Wie ist denn das Wetter die nächsten Tage?“ „Niiiiikt guut“ meint er auf Deutsch, und ich sehe das mich mein Akzent mal wieder verraten hat. „Das heißt?“ „Regen.“ „Viel Regen? Den ganzen Tag oder nur Stundenweise?“ „Naja, es regnet halt, heißt ja schließlich auch Regenwald“ (Spassvogel…!) Nach einigem nachbohren meint er das es vor Donnerstag nicht aufklaren soll, und das wäre „niiiikt guut“, aber da sie hier ein Mikroklima haben kann es sich stündlich ändern.

Ich gehe nach draußen, überdenke meinen Plan, mein Proviant, meine Ausrüstund und stolpere zurück in das Visitorcenter um die Hütten auf dem Track zu buchen. „Alleine?“ „Ja, Alleine“.
Nun blickt er das erste mal auf und ich habe fast das Gefühl als hätte ich mir gerade seinen Respekt erarbeitet. Er wird zur richtigem Plaudertasche und erzählt mir sein Name sei „Richard Wagner“ was oft zu Problemen führt weil deutsche Besucher am Telefon immer denken er wolle sie auf den Arm nehmen. Seine Mutter sei Maori, sein Vater Engländer gewesen, und seine Oma stamme aus Österreich. Daher seine verblasten Deutschkentnisse. Die seien „niikt guut“.

Ich kann mir das lachen eigentlich kaum verkneifen. Da sitzt im tiefsten Busch irgendwo in Neuseeland ein Maori in einem Nationalpark, hebt den Telefonhörer ab und sagt „Richard Wagner speaking, how can I help you?“.

Wo er nun aber schon so am erzählen ist frage ich ihn noch ob er mir sagen kann wie sich ein Kiwi-Vogel anhört. Es steht nämlich des öfteren geschrieben das man die scheuen Vögel nachts von den Berg- oder Wanderhütten aus hören kann, aber da ich nicht weiß wie sich ein Kiwi anhört weiß ich auch nicht ob ich einen gehört habe.

Richard geht zur Wand und nimmt eine Uhr von der Wand. Sie spielt zu jeder vollen Stunde einen anderen Vogel ab und Richard nimmt sich jetzt die Zeit und spielt mir alle 12 Vögel vor und erklärt mir Name und Gesang. Er verabschiedet sich mit „Tschüüss“, und ich erwiedere den Gruß.

Ich parke das Auto auf einem Campingplatz in der Nähe des Visitorcenters, weil ich hoffe das es dort am sichersten steht und trampe zum Start des Tracks. Normalerweise bucht man ein Wassertaxi was einen zum Trackstart bringt und vom Endpunkt abholt, aber ich bin der festen überzeugung das es auch billiger bzw. gratis geht. Es gibt nämlich eine Schotterpiste die den See halb umrundet und an Anfangs- und Endpunkt vorbeikommt. Einzige Schwierigkeit ist nur zu warten bis das erste Auto kommt.

Der erste Geländewagen ist voll, im zweiten Auto sitzt ein Ehepaar das als es mich sieht wild zu gestikulieren anfängt, langsamer wird, wieder schneller wird, und in dem Mann und Frau bestimmt noch die nächsten zwei Stunden darüber diskutieren ob man mich nun hätte mitnehmen sollen / können / dürfen oder nicht. Das dritte Auto ist ein Firmenvan der von einem Japaner gesteuert wird. Er hält an und nimmt mich mit zum Startpunkt. Er ist auf dieser verlassenen Strecke auf dem Weg zu einem Wasserkraftwerk um dort Wartungsarbeiten durchzuführen. Während der Van von einem Schlagloch ins andere rast erzählt er mir, sein Chef habe ihm gesagt er solle sich auf dieser Strecke viel Zeit lassen. Wichtig sei nicht wie viel Stunden er braucht, wichtig sei der Van landet nicht im See. Beruhigend. Ich komme heile an.

Die vier Tage gehen schnell vorbei. Das Wetter bleibt durchwachsen. Am ersten Tag geht es von wenigen Höhenmetern auf eine 1.300 Meter hohe Felswand, auf der die erste Hütte steht. Ich sehe leider nur eine weiße Wand, unterhalte mich Abends aber mit einem Schweizer der auf der selben Strecke unterwegs ist. Ansonsten sind hauptsächlich Neuseeländer unterwegs, der Track ist touristisch nicht ausgetreten.

Am nächsten morgen werde ich wach und wir werden kurz für die Strapatzen des Vortages belohnt. Die Wolken bzw. der Nebel reißt kurz auf, und gibt den Blick auf den im Tal liegenden See und die umliegenden Berge frei. Es folgt der Abstieg, die Übernachtung in der zweiten Hütte, und zwei weitere Tage die bei mehr oder weniger gutem Wetter durchwandert werden.

Meine Füße bestehen nur noch aus Blasen, nachdem die letzten Wochen „Sandflies“, eine der fiesesten Einwohner Neuseelands, die aussehen wie harmlose Fruchtfliegen meine Füße total zerstochen haben. Die empfindliche Haut und die vielen Stunden im Wanderschuh haben sich nicht vertragen. Immerhin bekomme ich von einer Neuseeländerin die Mitleid hat ein Anti-Sandfly spray geschenkt und freue mich 18 Dollar gespart zu haben :-)

Am 28. Januar, angekommen am Endpunkt der Wanderung, mache ich mich auf den Weg zu meinem Auto.Es führt eine mirkrige Schotterstraße vorbei, die in der Mitte von Gras überwuchert wird. Das ist definitiv nicht die „Hauptstraße“ die um den See führt und auf der ich trampen wollte. Oder doch? Kein Auto weit und breit. Ich gucke nach links und rechts, entscheide mich für rechts, und verabschiede mich bei den anderen Wanderern die auf ihr Wassertaxi warten. Ich laufe und laufe, und dann hört die Straße einfach auf. Eine halbe Stunde später laufe ich winkend (und lächelnd!) an den immer noch wartenden Wanderern vorbei in die andere Richtung. Richtig! Nach 20 Minuten bin ich auf der Hauptschotterpiste. Da kein Auto weit und breit zu sehen ist laufe ich wieder ein paar Minuten, stelle mich dann in den Schatten und will gerade meine Wasserflasche auspacken als sich in der Ferne hinter den Kurven auf dem Schotter ein Autogeräusch abzeichnet. Daumen raus. Doch der Pickup ist bereits randvoll. 4 Erwachsene und ein Baby. 1 Minute später ein Geräusch aus der anderen Richtung:

Der Pickup kommt im Rückwärtsgang, die Kurven in der selben Geschwindkeit nehmend wie vorwärts. Sie haben leider kein Platz, aber wenn ich will kann ich ja auf die Ladefläche hüpfen. Gesagt getan. Ich knattere zwischen Kinderwagen und Ladeplane für 20 Kilometer über feinste Schotterpiste und genieße die atemberaubende Aussicht die der See von dieser Seite zu bieten hat. Das ist doch immer noch die schönste Art zu reisen. Am Visitorcenter werde ich abgeladen. Die Frau meint, als sie mich dort so stehen sehen hat und sich gefragt hat wann wohl der nächste Wagen vorbeikommt mussten sie einfach anhalten. Ihr Mann erzählt mir stolz er habe heute morgen ein Rotwild geschossen, das müsste ich doch von zu Hause kennen…Es hängt grade zum Ausbluten auf dem Campingplatz.

Ich bedanke mich fürs mitnehmen, laufe zurück zu meinem Wagen, verbringe noch eine Weile am See und fahre dann langsam Richtung Napier zurück. Ich übernachte auf einem kostenlosen Campingplatz an einem kleinen See.

Am 29. gibt es Haferflocken mit Honig. Die neugierigen schwarzen Schwäne, welche glatt in den Van flattern würden, würde man ihn nicht zuschließen, werden erfolgreich verscheucht. Zufrieden setze ich den Wagen zurück, überrolle meine zum auslüften nach draußen gestellten Wanderschuhe und mache mich ohne das Gepolter zu hinterfragen auf nach Napier von wo aus es nun nach Wellington, und von da Richtung Süden gehen soll… „Man is und bleibt haltn Schussel“ hat das ein Luxemburger mal treffend formuliert, nachdem ich ihn noch gerade rechtzeitig darauf aufmerksam machen konnte das er seine kompletten Dokumente auf dem Autodach liegen lassen hat und gerade davondüsen wollte…

Heute mache ich mal richtig Kilometer, und komme gegen Abend barfuss in Wellington an. Unterwegs habe ich nochmal kurz in Napier welches auf dem Weg lag halt gemacht, noch einmal für 1 Dollar geduscht, bei der deutschen Bäckerei ein belegtes Fladenbrot mit Chicken und Cambert gekauft, und ab gings….

In Wellington finde ich auf anhieb einen Stellplatz für nur 4 Dollar die Nacht auf dem sich schon diverse Wohnmobilisten einquartiert haben und komme noch gerade rechtzeitig um das Abendrot der gerade untergegangenen Sonne zu genießen. Wellington ist schön.

Am 30. suche ich zuerst das Visitorcenter auf um eine Fähre auf die Südinsel zu buchen. 165 Dollar ist das billigste Angebot, dafür fährt die Fähre am Dienstag schon um 3:00 Uhr morgens. Egal. Ich frage die gute Frau noch nach einem Shoppingcenter, mit dem Hinweis ich bräuchte wohl neue Schuhe, und bekomme in meinem Stadtplan jedes verdammte Schuhgeschäft der Stadt eingezeichnet. Frauen und Schuhe kaufen. Es gibt Dinge die sind und bleiben überall auf
der Welt gleich.

Ein vernünftiges Paar Wanderschuhe ist garnicht so einfach zu finden und ich habe die Wahl zwischen Outdoorschuhen aus einem Fachgeschäft für 600 Dollar die zu Hause bei Deichmann nicht über 40 Euro gehandelt werden, oder Schuhen für 30 Dollar, die in Deutschland von der EU aufgrund von gesundheitsgefährdender Ergonomie garnicht eingeführt werden dürften. Ich entscheide mich für die 30 Dollar Variante. Aber es gibt ja besseres als sich über Schuhe zu ärgern.

Ich wandere mit meinen neu erworbenen Schuhen auf in den Botanischen Garten, zur Cable Car-Station, zum Planetarium was leider gerade wegen Renovierung geschlossen hat, und komme, warum auch immer, auf die Idee mich für eine Führung durchs Parlament anzumelden. Kameras sind leider verboten.

Das Gebäude, der Lesesaal, die Bücherei, selbst der Ballsaal: Alles ist so perfekt angeordnet, man hat das Gefühl alles ist Teil einer einzigen Dekoration. Jedes Buch an seinem wohlbedachten Platz. Jedes Bild an der Wand mit Wasserwage vermessen. Der Teppich wie neu verlegt. Die Fliesen wie frisch gekachelt. Selbst die 300 Jahre alte Pendeluhr im Treppenhaus der Bücherei sieht aus wie ein gerade vom Band gelaufenes Replica. Sogar die Blumen scheinen der Geometrie zu gehorchen, ich kann mich aber gerade noch zurükhalten als Beweis der Echtheit eines der Efeublätter im Kamin(!) zwischen meinen Fingern zu zerreiben. Die Queen wäre sicher „not amused“.

Zufällig auch bei der Führung ist Melanie die in Deutschland Linguistik studiert hat und gerade mit einem Team an einem Buch schreibt. Da sie von „zu Hause“ aus arbeitet, kann sie sich die Arbei t auch mitnehmen und ist derzeit in Neuseeland untergekommen. Wir verstehen uns ganz gut, begeben uns zusammen noch etwas auf Sightseeing und fahren dann zuasammen auf einen Aussichtspunkt „Mt Victoria“ von dem man einen schönen Ausblick auf die Stadt hat.

Wir bekommen Hunger. Und da ihre WG die aus 8 Leuten besteht, in der aber immer 20 Leute zu Besuch sind, sich heute zum Pizza Essen verabredet hat werde ich kurzerhand mitgenommen. Melanie, die schon einige Minusstunden angesammelt hat muss noch was tun, und ich fahre wieder in die Innenstadt wo ich dieses mal nicht wirklich gut zwischen Supermarkt, Partymeile und Strandpromenade übernachte. Bin aber zu Faul nochmal umzuparken.

Ich lese noch etwas in meinem neuen Buch „The Geography of Bliss“ in dem ein Journalist mal wissenschaftlich aber größtenTeils mit viel Humor untersucht, wo auf der Welt Menschen am Glücklichsten sind, und vor allem warum. Steht Happyness vielleicht in korellation zu Geld, Religion, Freiheit, Demokratie, oder der Natur eines Landes? Wie lässt sich „Happyness“ messen? Lässt sich Glück überhaupt in jeder Sprache gleich übersetzen und lässt es sich dann noch vergleichen? Fragen über Fragen. Dann gehe ich schlafen…

Am 31. regnet es und es ist windig. Die Stadt hat also zurecht den Spitznamen „Windy Wellington“. Piloten die hier landen, brauchen aufrund der Wetterverhältnisse und der kurzen Landebahn ein spezielles Typrating.

Ich besuche das Museum of New Zealand „Te Papa“. Es ist wie das Museum in Auckland so groß, das es unmöglich ist alles zu erkunden. Immer wieder begeistert bin ich jedoch von Ausstellungen über Vulkane, Erdbeben und die Plattentechtonik. Unter Neuseeland stoßen zwei Platten aufeinander und man kann an einem Modell durch pressen diverser Hebel simulieren wie das Land in den nächsten zehntausend Jahren seine Gestalt verändern wird. Als ich gerade dabei bin Wellington von der Karte zu radieren beschließe ich das es Zeit wird zu gehn…

Am Nachmittag folge ich der Einladung Melanies, welche regelmäßig zur Bibelstunde geht und am Sonntag die Kirche besucht, und gehe mit ihr zum Gottesdienst in die „Arise Church“.

Ich muss ehrlichkeitshalber zugeben das mich mehr der Mangel an Alternativen, die Tatsache Melanie wieder zu sehen und unter Menschen zu sein, sowie die Neugierde an der Art von Kirche dazu bewegt hat mitzugehen als die Tatsache ein bibeltreuer Christ zu sein. Melanie hatte mir bereits am Tag zuvor erzählt das die „Arise Kirche“ eine lebendige Kirche ist, die sich mit dem was wir Gottesdienst nennen schwer vergleichen lässt.

Was ich dann mitverfolgte war tatsächlich ein Erlebnis. Der Beginn des Gottesdienst der in einem großen Eventcenter der Stadt stattfand erinnerte mich mehr an ein Rockkonzert als einen Gottesdienst. Inklusive Nebelmaschinen, Großbildleinwand und Lasershow. Da kann jeder Pastor einpacken! Es wurde getanzt, geklatscht, und natürlich gebetet. Ein passionierter Gastprediger aus Australien hielt den Großteil des Gottesdienstes. Ich hatte tatsächlich so etwas wie ein spirituelles Massenerlebnis, obwohl ich persönlich irgendwie keinen Draht nach oben habe. Vielleicht bin ich einfach zu aufgeklärt, oder rational, zu hinterfragend – ich habe keine Ahnung. Wann war ich das letzte Mal in der Kirche? Zur Konfirmation?

Anschließend stellte mir Melanie noch Lilly und Andrew vor die auch in der Kirche waren und wir besuchen zusammen ein Cafe in Wellington. Bevor wir gingen sagte mir Lilly dann noch, es klänge jetzt bestimmt komisch für mich, aber sie hätte während des Gottesdienstes wahrgenommen das auf meiner Reise bisher einige unschöne Dinge (der Überfall, der Unfall) passiert seien, und sie hätte dafür gebetet das ich in Zukunft von einer Gruppe von Schutzengeln begleitet würde und die Richtigen Leute treffe. Denn nichts passiert zufällig meint sie. Deswegen sei ich ja hier.

Gut. Vielleicht gibt es Dinge, die kann man nicht erklären, sondern man muss sie glauben. Oder auch nicht. Melanie schenkt mir eine Bibel und wir verabschieden uns.

Ich fahre in den New World Supermarkt und kaufe…Kartoffeln (Insider ;-) ). Meine Bratkartoffeln misslingen furchtbar und sind bis Zur unkenntlichkeit entstellt. Hätt ich mal nicht am Öl gesparrt.

1. Februar: Da ich heute wegen eines defekten Parkautomaten den ganzen Tag über frei im Hafen stehen kann habe ich mir vorgenommendas Geld anders zu verprassen: Ich besichtige die Artgallery! Dort stellt gerade eine international anerkannte Künslerin Yayoj Kusama aus, die seit ihrer Kindheit besessen von Punkten ist, was mehrere psychatrische Gutachten bestätigen. Ihre Inspiration schöpft Kusama aus Visionen und Haluzinationen die sie als junges Mädchen gehabt hat! Nachdem ich einige ihrer Werke begutachtet hatte war ich sicher: Was immer die damals geraucht haben, es muss gut gewesen sein!Ich schaute mir einen circa zwanzigminütigen Film an in dem sie ihren Punktwahn in zwei Sexorgien verarbeitet und bin nun überzeugt: Sowas kriegen nur chemische Drogen hin!

Die letzte Person die ich kannte, die annähernd das selbe Stadium erreicht hat, war ein Schulkamerad der bei einem großen deutschen Chemiekonzern arbeitend, nach Feierabend so tolle bunte Pillen kreiert hat das er schließlich in vollem Indianeroutfit einen Streifenwagen inklusive Polizisten atakierte bevor die Männer in den weißen Kitteln ihn einfangen konnte… Traurige Geschichte.

Ein paar Lichtpunktinstallationen fand ich künstlerisch jedoch sehr beeindruckend. Ein Highlight war ein dunkler komplett verspiegelter Saal, dessen Boden mit Wasser geflutet war, und in dem tausende LEDs von der Decke baumelten. Die bunten Punke spiegelten sich in Spiegeln, im Wasser und boten die Illusion in die Unendlichkeit zu schauen.

Am Abend bin ich bei Melanie und der WG zum Essen eingeladen, es gibt Lasagne und TipTop-Eis zum Nachtisch. Wir spielen Karten, und um 23:15 mache ich mich auf den Weg und fahre zum Fährterminal wo um 3 Uhr morgens meine Fähre auf die Südinsel geht. Ich checke ein, und stelle mich in die Autoschlange, gehe nach hinten und schlafe für zwei Stunden bis ich vom Einweiser geweckt werde. Auf gehts gen Süden.

Die Entscheidung Nachts zu fahren war, abgesehen vom billigeren Fährticket, ganz gut. Nach einer Fahrt in Dunkelheit durch die Cook-Straße wurden wir mit einem schönen Sonnenaufgang über dem „Marlborough-Sound“, belohnt.

Am 2. Februar kommen wir um 6:00 morgens an, ich bin hundemüde, und beschließe mich in Picton, wo die Fähre angelegt hat an die nächstbeste Straße zu stellen und ein Nickerchen zu halten. Dumm, wenn man das Licht angelassen hat. Man ist und bleibt halt nen Schussel. Zwei Neuseeländer helfen mir gegen 9:30 den Nissan anzuschieben, der auch sofort wieder anspringt.

Ich beschließe, noch müde, heute nur ein paar km Strecke zu machen und die Straße nähe des fünftägigen „Queen-Charlett-Sound“-Wanderweges abzufahren. Die paar km werden dann schnell ein paar mehr. 100 um genau zu sein, was daran liegt das sich die Straße mal wieder hoch und runter, links und rechts, anlang der hügligen Küstenlinie entlangschlängelt.

Nach einer Weile wird die Teerstraße zur Schotterpiste und irgendwo kurz vor Ende der Straße, vor einer tollen Küstenlandschaft, steht auf einmal ein Polizist vorm Streifenwagen und ließt Zeitung auf der Motorhaube. Damit ihm nicht zu Langweilig wird hat er sich einen Kumpel mitgenommen, der bereitwillig Fotos von mir vor netter Scenerie schießt. Was tut er hier? Geklaute Schafe zählen? Kuhschubser auf Frischer tat ertappen? Möwe ermahnen links zu fliegen?

Am Ende der Straße hat in einer traumhaft schönen Bucht jemand ein Toilettenhäuschen auf eine Schafswiese gestellt und somit einen tollen Campingplatz errichtet. Der Strand und die vielen kleinen Inseln im Wasser bilden zusammen mit Steilküste und Dünenlandschaft eine tolle Szenerie. Da ich mehrere Stunden gebraucht habe die Piste runterzudüsen und es schon 15:00 ist beschließe ich hier zu übernachten und lese in meinem Buch über Happyness.

Wie gesagt versucht der Author das glücklichste Land der Welt zu finden und stellt Glück in Bezug zu diversen Dingen. Das Geld nicht dauerhaft glücklich macht ist ja allgemein bekannt.Es macht zwar Glücklich, aber nur sehr kurzfristig. Bin ich heute Glücklich wenn ich eine Uhr für 5.000 Euro kaufe, brauche ich nächste Woche eine Uhr für 10.000, und in zwei Monaten eine Uhr für 30.000 Euro um das selbe Glück zu verspühren. Die Geld/Glück-Korellation wächst expotentiell. Soweit nichts neues.

Eine Tatsache fand ich allerdings interessant und will sie kurz erwähnen: Es gibt bisher nur eine bekannte Sache -und das ist wissenschaftlich und mit Hirnstrommessungen faktisch belegt – die nach Erwerb auf dauerhaftem Level glücklich macht. Und das ist…tadadada…eine Brustvergrößerung! Das gilt für die Frau, als auch für den Mann der die Silikonimplantate bezahlt hat. Gut,das erklärt einiges. Und die Moral von der Geschichte? Lass den Ferrari im Autohaus, besorg deiner Freundinn dicke Möpse. Mein Bedarf an Happyness ist für heute gestillt. Ich gehe schlafen, und die Natur schenkt mir einen beeindruckenden Sonnenuntergang.

3 Februar. Ich hatte am Abend zuvor unter einem großen Baum geparkt, und da dieser bei warmer Sonne angenehmen Schatten spendet habe ich Schafe vorm Auto, hinterm Auto, unterm Auto. Ich versuche meinen Van rückwärts von der Wiese zu manövrieren, in der Hoffnung die Schafe hinter mir würden weichen, bis ich nach einem kleinen Widerstand ein leidgeplagtes und trotziges„Mähhhh“ vernehme. Ich Schalte in den ersten Gang und beschließe die Wiese im Vorwärtsgang zu verlassen. Ich Hoffe das Schaf trägt es mit Fassung.

Ich fahre zurück nach Picton wo ich ein paar Kleinigkeiten erledige und meine Webseite update.

Kommentare zu diesem Artikel:

  • Jan

    schrieb am 04. Februar 2010 um 10:29 Uhr:

    Hey!

    Schön zu sehen, dass es dir gut geht.

    Hast ja wieder einiges erlebt. War auch irgendwie logisch, dass du mit dem Kanu kenterst. Immerhin wolltet ihr euch ja damals auch schon das Stauwehr runterstürzen… ;o)

    War auch wenig von der Tatsache überrascht, dass dich die LED-Instalation in ihren Bann gezogen hat.

    Wünsche dir viel Spaß auf der Südinsel. Und immer zwei Finger breit Öl im Getriebe… :)

    Bis dann,
    Jan

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