Jul 21 Marbug, Rhön und Fulda

Marburg ist eine schöne Studentenstadt mit einmaligem Stadtbild. Sie ist geteilt in eine neue Unterstadt und eine historische Oberstadt. Hoch oben in der Mitte der Stadt thront das Marburger Schloss von dem aus man bis weit in die Umgebung schauen kann. Ich übernachte eine Nacht bei Martin und eine bei Nora auf der Couch.

Das Jonglieren klappt hier nicht, weil die Altstadt in viele kleinen Gässchen und Plätze unterteilt ist, und es so an einer Durchgangseinkaufsstraße fehlt. Ich habe leider auch etwas Pech mit dem Wetter. Es regnet ständig. Stolze 30 Cent kommen zusammen.

Marburg ist von einem Gebirge umgeben, außer im Norden und Süden, wo die Lane dieses durchbricht. Auf diesem Gebirge steht ein Kaiser-Wilhelm-Turm, von Marburgern auch Spiegellustturm genannt. Die Legende sagt das der Student der den Turm vorm Beenden seines Bachelorabschlusses bzw. Vordiploms besteigt durch die Prüfung fällt. Erstaunlicherweise habe ich auch keinen einzigen Studenten gefunden der oben war. Man nimmt das sehr ernst. Ich habe nichts zu verlieren: Die Aussicht ist beeindruckend, und man bekommt einen schönen Blick auf das Gesamte Umland.

An den Turm hat man ein großes rotes Neon-Herz angebracht, das man wenn es dunkel ist per SMS oder Anruf zum Leuchten bringen kann. Was von einigen als kitschig beschimpft wird ist für mich ein einmaliges Wahrzeichen der Stadt.

Am letzten Abend werde ich von Simon zum Essen ins „Studentendorf“ eingeladen. Er wohnt mit seiner WG im 5. Stock eines Hochhauses, schon etwas weiter oben am Fuße des Berges, so dass man vom Balkon Marburg bei Nacht bewundern kann. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge und haben interessante Diskussionen über das Reisen, das Leben, loslaufen, ankommen und warum man sich überhaupt den Rucksack auf den Rücken schnallt.

Eine ehemalige Mitbewohnerin die auch dort ist hat das umgesetzt was immer mein Traum gewesen war. Ihre Wohnung gekündigt und sich ein altes Mercedes-Hippiemobil gekauft in dem sie nun lebt während sie an der Uni Medizin studiert. Ich bin begeistert. Es gibt halt Leute die reden, und Leute die machen. Zum Abschied schenkt mir Simon noch eine Packung Brot und zwei Konserven Fisch. Ich werde sie morgen sicher brauchen.

Nächster Tag raustrampen Richtung Fulda. Gleich der erste Autofahrer ist ein Glücksgriff und fährt mich in einem Stück durch. Da das Wetter unerwartet sonnig ist, und da es die nächsten Tage wieder regnen soll, lasse ich mich von ihm direkt in der Rhön absetzen um wandern zu gehen. Er fährt mich bis an den Wanderweg des Kreuzberges.

Interessant ist mein Autofahrer weil er sich in den 80er Jahren für ein wie er selbst sagt „exotisches Berufsbild“ entschieden hat. Er wurde Hausmann und ist es auch immer geblieben, während seine Frau das Geld verdiente. Drei Kinder hat er versorgt und den Haushalt geschmissen statt sich dem Berufsleben zu widmen. Für ein Häuschen hat es trotzdem gereicht. Es kommt halt auf die Lebenseinstellung an. Er sagt: „Verantwortung für Kinder ist was ganz anderes als Verantwortung für eine Firma.“

Der älteste hat fertig studiert und arbeitet nun als Arzt. Die jüngste hat grade für ein Erziehungswissenschaften-Studium das Haus verlassen. Papa ist hörbar stolz. Erst jetzt gibt er zu, fehlt ihm ein wenig der Sinn, hat er einen kleinen Knick. Vielleicht will er wandern gehen, mit Zelt, und Schlafsack. Ich denke eine gute Entscheidung…

Nun aber den Kreuzberg hochlaufen. Oben, 400 Meter vorm Gipfel, liegt ein 1644 gegründetes Franziskaner-Kloster. Vom Kloster führt ein Kreuzweg mit Bildkapellen zu den drei steinernen Golgota-Kreuzen auf dem Gipfel. Sie stellen die 12. Station des Kreuzwegs dar, der dem Kreuzweg in Jerusalem nachempfunden ist.

Neben dem Kloster gib es eine Ausstellung zum Ordensgründer Franz von Assisi. Er war überzeugt das alles was ist von Gott kommt. Alle Geschöpfe sind für ihn Brüder und Schwestern die einander brauchen und für einander Verantwortung tragen. Ein Satz in der Ausstellung bleibt mir im Gedächtnis:

„Franz kann staunen: über die leuchtenden Sterne, die Kraft des Feuers oder eine klare Quelle. Er freut sich an den Dingen der Welt. Nichts, was ist, ist selbstverständlich. Alles Leben ist ein wertvolles Geschenk. Er will nichts besitzen und festhalten, ist nur auf Pilgerschaft – aber als glücklicher Wanderer.“

Von dem Kreuzberg trampe ich hinunter und auf die 950 Meter hohe Wasserkuppe, den höchsten Berg der Rhön. Die Wasserkuppe ist ein Eldorado für Flieger. Sie ist Geburtsstunde des modernen Segelfluges. Es gibt ein Museum, einen kleinen Flughafen für Segelflieger, Motorflugzeuge, Drachen- und Gleitschirmflieger, sowie Modelflugzeuge.

Als ich dort so voll bepackt Richtung Gipfel stapfe, vorbei an den Flugzeugen halte ich plötzlich inne. Den Typen der da grade so eifrig sein Flugzeug putzt kenne ich doch. Oder nicht? Körperhaltung passt, Statur passt, Gangart passt… Es ist tatsächlich Tobias, ein Mitschüler mit dem zusammen ich an der Flugschule in Bremen meine Ausbildung gemacht habe, bevor ich sie abgebrochen habe.

Was für ein Zufall. Zwei Minuten später, ein anderer Autofahrer der mich mitgenommen hätte, eine andere Konstellation meiner Reiseroute und wir wären uns nie wieder begegnet. Wäre es etwas früher am Tag hätte er mich noch eine Runde mit in die Luft genommen, aber nun sei es leider zu spät. Wir verabschieden uns und ich laufe weiter Richtung Fliegerdenkmal und Aussichtspunkt.

Die Aussicht ist gigantisch, die meisten Leute sind gegangen, es ist schon 19:30, die Flugzeuge verstummen. Nur ich und der Berg, und das Fliegerdenkmal. Auf einem alten Vulkanschlot auf Basaltsteinen errichtet, wurde es nach dem ersten Weltkrieg errichtet trägt es die Inschrift: „Wir toten Flieger blieben Sieger durch uns allein Volk flieg du wieder und Du wirst Sieger durch dich allein“. Ich schaue eine ganze Weile den Berg hinab. Stille. Alles wirkt so ruhig, so friedlich.

Dann mache ich mich ohne Ziel auf den Weg bergab, um eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Der Himmel zieht sich zusammen. Es beginnt zu regnen und hört auch nicht wieder auf. Ich baue mein Zelt auf einer kleinen Wiese auf. Ein Igel hustet sich neben mir im Gebüsch in den Schlaf, dann schlafe auch ich ein….

Nächster Morgen. Schon wieder alles nass. Das dritte Mal abgesoffen. Im nachlassenden Regen das Zelt zusammenpacken. Dicker Nebel löst den Regen ab. Mit einer Sicht gegen Null mache ich mich auf den Weg und habe keine Ahnung wo ich bin. Eine kleine Kreisstraße die aber laut meiner Karte ganz anders verlaufen müsste führt zu Orten, die eigentlich ganz woanders liegen müssten. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, und vor allem wie ich mich beim Abstieg gestern so verlaufen konnte. Von Zeit zu Zeit rette ich mich mit einem Sprung vor vorbeidonnernden LKWs ins Gras. Trampen ist unmöglich. Nur meine Neonregenjacke sorgt dafür dass mich überhaupt jemand sieht bevor es zu spät ist.

Ich laufe und laufe bis ich auf eine Bundesstraße stoße. Die Auffahrt bietet Platz zum sicheren Trampen. Das erste Auto hält sofort und nimmt mich mit nach Fulda. Schon wieder eine Frau die auch als Tourenguide für interessierte Reisegruppen arbeiten könnte… Diese lebende Enzyklopädie setzt mich direkt in der Innenstadt ab, bevor sie mit ihrem Auto in der Tiefgarage verschwindet.

Fulda besitzt ein einmaliges Barockviertel: Das Stadtschloss, der Dom, der große Schlosspark und ein Dahliengarten sind ziemlich beeindruckend. Nach dem Sightseeing geht’s auf zum Jonglieren.

Dann passiert das was ich nicht so ganz verstehe. Ich habe auf einmal das Gefühl genug gesehen zu haben. Bin müde. Möchte nach Hause. War es das Wetter, die Stimmung? Klar war letzte Nacht wieder alles abgesoffen, das Geld war zu knapp, meine Klamotten reif für die nächste Waschmaschine, und ich hatte noch keine Übernachtungsmöglichkeit. Einen richtigen Grund aber gab es nicht. Ich wollte einfach nach Hause. Und so folgte ich meinen Gefühlen und fuhr mit dem Zug zurück nach Minden. In der Bahn erblicke ich plötzlich das Schild: „Nächste Station: HeimatLiebe“. Ich schmunzle und lasse mich im Zug zurück nach Minden schaukeln. Ein sehr kurzer aber schöner Wander-Sommer 2011.

Jul 17 Heute hier, morgen dort.

Der dritte deutsche Sommer. Wieder will ich ohne Geld im Land unterwegs sein. 20 Euro habe ich mir diesmal als Notfallreserve eingesteckt: Mit Kopfschmerzen stehe ich mit ausgestrecktem Daumen in Minden am Großparkplatz Kanzlers Weide und will irgendwie Richtung Harz. Schon nach wenigen Augenblicken hält ein Kasache an, der mich bis nach Porta Westfalica mitnimmt. Auf der Suche nach einem besseren Tramperspot laufe ich dort zwei Kilometer aber lande am Ende doch dort wo mich der Kasache ausgeladen hat. Schon jetzt bemerke ich, dass es eine schlechte Idee war meine Schuheinlagen einen Tag vor der Tour noch zu wechseln, ohne die alten Einlagen mitzunehmen. Eine Frau mit ihrem Sohn bringt mich schließlich bis zum Autohof Porta Westfalica.

Ein Trucker der Fensterelemente an ein Altenheim nach Hamburg liefern muss nimmt mich bis nach Garbsen mit. „Was wir alles durch die Gegend fahren. Son Quatsch! Braucht keeeeen Mensch. Das Gelumpe.“ Markus kommt wie man unschwer überhören kann aus Zwickau. Er liebt seinen Job und kann sich nichts Besseres vorstellen. Er gerät richtig ins Schwärmen: „ Heute hier, morgen dort. Jeden Tag siehst du was anderes. Immer neue Leute, immer passiert was. Und das Geld ist super. Grade erst nen neues Auto gekauft. Und nen neuen Fernseher. Und ich hab geheiratet. Nächste Woche Flitterwochen in Griechenland“.

Aber man hört doch immer von dem Druck, dem Stress und der miesen Bezahlung, hake ich nach. „Kommt auf die Firma an, ich arbeite nur noch Montag bis Freitag, und wenn Ruhezeit ist dann ist Ruhezeit, und wenn ich eine Minute vorm Kunden stehe. Seit dem die elektronischen Auslesesysteme eingeführt sind gibt’s keinen Stress mehr, keine Manipulation.“

Wie zum Beweis ruft Markus seinen Kollegen an: „Sach mal Harry, wie
gefällt dir eigentlich dein Job? Auch super? Und das Gehalt? Kannst du gar nicht mehr ausgeben wa´? 600 Euro nur für Spesen im Monat. Ich sags nur, weil ich hier son´ Tramper dabei hab, hab das Gefühl das ist was für ihn“. Ich grinse. “Was hastn du geladen Harry? Was? 1.5 Millionen leere Rasierschaumdosen? Son Quatsch! Braucht keeeeen Mensch. Das Gelumpe.“ Ein weiterer Kollege wird angerufen. Er hat 450.000 „Coppenrath & Wiese Benjamin Blümchen Törröööö-Torten“ geladen. „Der legt sich heute nach Feierabend in den Kühler und schlägt sich den Bauch voll! Dit is schon nen geiler Job hier.“

Ich grüble. Habe ich mich nun wirklich für den richtigen Beruf entschieden? Fest steht: Die Jungs hier haben eine Menge Spaß. Während wir auf der A2 gen Osten fahren läuft Family-Guy auf seinem Notebook das auf Markus Armaturenbrett klebt. Am Rastplatz gibt er mir noch den Namen der Truckerfirma mit auf den Weg, sollte ich mal Interesse haben, und wir verabschieden uns.

Als nächstes gleich wieder ein LKW-Fahrer . Er kommt aus Polen und spricht wenig englisch, aber ich frage mich ob er genauso glücklich mit seinem Job ist. „Ja. Geld ist gut. Ist halt nen Job. Aber Langweilig“. Das liegt vor allem daran das mein Fahrer ständig die Europäischen Transitstrecken rauf und runter rattert. Das wird auf die Dauer natürlich Monoton. Polen – England- England – Polen.

„Do know Rammsteiiiiinn?“ fragt er. Keinen Augenblick später donnern wir mit aufgedrehten Boxen über die Autobahn gen Osten. Man gut das mein Fahrer kein Wort davon versteht was er nun so lautstark mitsingt. Ich wage mich auch nicht zu übersetzen. Und so machen wir unseren Weg bis nach Helmstedt. Zwar wollte ich eigentlich in Braunschweig aussteigen, aber mein polnisch war zu schlecht und so kam es zu leichten Verständigungsschwierigkeiten. Egal, so sehe ich Helmstedt. Auch schön.

Wie ich auf meiner Karte entdeckt habe gibt es eine Bundesstraße 244 nach Wernigerode. Ich muss nur ein paar Kilometer laufen. Nach 20 Kilometern und 3 Autofahrern später stehe ich irgendwo am Straßenrand, und nach 19 Uhr kommt und kommt einfach kein Auto mehr das mich mitnimmt. Der Verkehr ist dünn, niemand hält an. Das hat sicher auch damit zu tun das keine drei Kilometer von meinem Spot entfernt eine Polizeisperre aufgestellt wurde die Autos und Personen kontrolliert. Die vorletzte Autofahrerin fragt irgendwann ängstlich: „Die suchen doch wohl nicht nach Ihnen?“, und lädt mich dann vorsichtshalber direkt vor den Polizeiautos ab. Die Polizisten haben kein Interesse an mir, und so nimmt mich sofort der nächste Autofahrer zwei Dörfer weiter, aber dann geht nichts mehr.

Ich übernachte auf einem Feldweg und schaue mir einen schönen Sonnenuntergang an. Zelten mit Harzblick. Was will man mehr? Am nächsten Morgen geht’s früh weiter. Meine letzte Autofahrerin die selbst aus dem Harz kommt schenkt mir Wanderkarten im Wert von über 38 Euro(!), und gibt mir Tourenvorschläge mit denen ich mindestens 3 Wochen nur im Harz beschäftigt wäre. Letztendlich erzählt sie so viel das ich gar keine Zeit mehr habe meine Sinne zu sortieren und laufe auf ihre Empfehlung von Ilsethal hoch zum Brocken, und auf der anderen Seite nach Schierke wieder herunter. Mit dem ganzen Gepäck bin ich allerdings ziemlich überladen als ich den Heinrich-Heine-Weg gen Brocken antrete. Die letzten Meter geht es die alten steilen Grenzweg-Serpentinen hinauf. Der Brockenblick ist super. Übernachtung in Bushaltestellenhäuschen in Schierke. Meine bisher schlimmste Nacht auf reisen! Ein LKW-Fahrer fährt mich am Morgen nach Wernigerode. Vorher durchqueren wir Hasserode. Und nun ratet mal wo das Hasseröder herkommt? ;-)

Hier in Wernigerode übernachte bei dem Wirtschaftspsychologie-Studenten Nick. Ich schaue mir das Wernigeröder Schloss an. Mit Nicks Studentenausweis schummle ich mich dann mit dem Bus nach Halberstadt um den größten evangelischen Dom Deutschlands zu besichtigen. Das Foto auf dem Studentenausweis sieht mir zum verblüffen ähnlich. Seitenscheitel, blonde Haare, kein Bart und graue Augen. Dazu ein schicker Anzug. Genau so sehe ich aus als ich in kurzer Hose und blauem T-Shirt dem Busfahrer strahlend blauen Augen und hochgegeelten braunen Haaren „meinen“ Ausweis entgegenstrecke. Dreistigkeit siegt, und so geht’s nach Halberstadt. Im Dom bewirbt man eine Ausstellung: „Kulturgüter mit Migrationshintergrund“. Politisch sehr korrekt, die Leute in Halberstadt.

Den nächsten Tag geht es weiter von Wernigerode kreuz und Quer durch den Harz. Die Highlights sind die Rappbodetalsperre und die Aussicht von einem Pavillon hoch über Rübeland. Abends komme ich in Göttingen an. Eine junge Tierärztin lädt mich direkt vor der Haustür von Volker ab. Mit ihm zusammen habe ich Abitur gemacht und er studiert hier Biologie. Hier habe ich eine Übernachtungsmöglichkeit.

Nächster Tag Göttingen. Ich möchte jonglieren, das erste Mal dieses Jahr. Die letzten Tage im Harz habe ich mich gedrückt und mich noch von Wasser und Nudeln aus dem Rucksack ernährt. Meine Zweifel sind groß, dass dieses Jahr die Dinge nicht so gut laufen. Die Hemmschwelle ist höher. Woran liegt´s´? Bin ich in den letzten neun Monaten etwa spießig geworden? Nun sind aber die Reserven aufgebraucht. Essen muss her. Geld muss verdient werden. Doch plötzlich habe ich Kopfschmerzen, Schwindel, und Übelkeit die so stark werden, dass ich meine Jonglage schon nach 15 Minuten abbreche und mir von den 5 Euro im Hut ein Busticket zurück zu Volker kaufe. Ich falle aufs Sofa und schlafe sofort ein. Abends lese ich noch das Buch. „Irre. Wir behandeln die falschen“ in einem Stück durch und schlafe dann wieder ein.

Volker päppelt mich mit Nudelauflauf und Frühstück am nächsten Morgen wieder auf, und so laufe ich erneut nach Göttingen. Ich habe noch keinen Cent verdient und schon kommt eine Zahnmedizinstudentin vorbei, liest mein „Mit 0 Euro durch Deutschland-Plakat“ und lädt mich spontan zum Frühstücken ein. Ihr Zug fällt wegen Streiks aus und sie hat Zeit totzuschlagen. Da ich noch von Volkers Frühstück satt bin einigen wir uns auf einen Kakao. Geld verdienen kann ich später immer noch, aber wer weiß wann ich das nächste Mal so nett ins Cafe eingeladen werde :-) . Wir haben uns eine Menge zu erzählen und mein Gegenüber lädt mich sogar zu ihrem Polterabend im August ein, aber da bin ich dann leider schon in Köln.

Später zurück in der Stadt nehme ich wieder die Bälle in die Hand und werde gleich wieder von zwei Mädels aus Göttingen angesprochen, erzähle ein bisschen von meiner Reise, und bekomme eine Einladung nach Jena. Ein Pärchen kommt vorbei und erzählt mir von einer Jonglierconvention in Göttingen dieses Wochenende. Da müsste ich hin. Und so kommt einer nach dem anderen, und alle sind neugierig. Ein Obdachlosenzeitungen-Verkäufer kommt und zeigt mir neue Tricks. Wo hat er nur so gut jonglieren gelernt, und warum verdient er damit heute nicht seinen Lebensunterhalt? Er verschwindet bevor ich ihn fragen kann im Nichts. Nach 1,5 Stunden sind bei mir über 30 Euro in meinem Hut. Die Göttinger haben mir nicht nur eine große Summe Geld in den Hut geworfen sondern waren auch einige der neugierigsten, offensten und freundlichsten Städter die ich bisher kennen lernen durfte.

Und das gilt nicht nur fürs jonglieren. Schaue ich mich mit meiner Karte zwei Mal fragend um ist jemand da der den Weg erklärt. Stehe ich mit meinem schweren Rucksack bei Rewe an der Kasse macht auch schon mal jemand eine weitere Kasse auf. Was ist das Geheimnis der Göttinger? Vielleicht haben sie einfach eine schöne historische Stadt in schöner Umgebung.

Raus trampen aus Göttingen, Pause in den Fulda-Auen bei Kassel machen. Ich fasse den Plan noch am Abend den Nationalpark Kellerwald-Edersee zu erreichen. Mein Vorletzer Autofahrer erweist sich mal wieder als perfekter Touristenführer. Er selbst ist auf dem Wege zu einer Geburtstagsfeier eines alten Freundes der im Rotlichmilieu arbeitet. Wegen der zu erwartenden „jungen Hasen mit viel Plastik“ hat seine Lebensgefährtin gestreikt und die Mitfahrt verweigert, es gab Streit und nun muss er es mit den Hasen alleine aufnehmen. Ob das mal eine gute Idee der Lebensgefährtin war…

Er gibt mir Visitenkarte, lässt mich in Fritzlar raus, und sagt ich könne ja mal eine Karte schreiben. Fritzlar müsse ich mir unbedingt anschauen, so seine Empfehlung. Obwohl es schon sehr spät ist laufe ich einmal durch die Stadt. Mir wurde nicht zu viel versprochen. Eine süße, historisch komplett erhaltene wunderschöne Kleinstadt mit tollen Fachwerk- und Steinhäusern.

Wieder an der Bundesstraße Richtung Nationalpark Edersee treffe ich auf meine bisher wohl skurrilste Autofahrerin: „Kommen se rein, Kommen se rein. Wundern Sie sich nicht, dass meine Hunde so stinken, die sind krank, das Herz. Ja und ich weiß das Auto sieht aus. Ich bin ein Messi. Aber schon meine Mutter sagte immer besser schlecht gefahren als gut gelaufen. Schmeißen sie einfach alles rein. Wo wolln Sie überhaupt hin?“ Was für eine Begrüßung. Zwischen allmöglichem Krimskrams fand ich Platz und schnallte mich an.

Ich erwähnte mein Ziel und fragte wo sie denn hinmüsse. „Ach ich, ganz woanders, aber ich fahre Sie, kein Problem. Geben Sies mal ins Navi ein.“ Als ich das Navi programmiert hatte ignorierte sie das Navi und meinte „Ach jetzt weiß ich, ich weiß , ich weiß“. Die gute Frau fuhr wild lenkend und plappernd gen Nationalpark und Campingplatz und bog die letzten 5 km vorm Ziel plötzlich völlig falsch und unbegründet ab. Sie besschimpfte das Navi, sagte „Ja doch! Ich weiß es. Ruhe da.“ Gefolgt von einem: „Hoffentlich fällts runter, dann ist es endlich kaputt ich wäre nicht böse drum.“

Als ich ihr zu verstehen gab das das Navi recht hätte, wir laut Karte eindeutig in die andere Richtung müssten, und wir an einem Straßenschild das klar nach links zeigte nach rechts abbogen bekam ich erste ernsthafte Zweifel wo die Reise hingeht. „Hier ist´s wohl verkehrt. Wir sollten jemanden fragen“ sagte sie schließlich. Meine Karte, die Straßenschilder und das Navi galten aber nicht. Wir bogen wieder in irgendwelche Wald- und Wiesenwege ein, und auf ihrer Musik-Kassette erklang ein Lied in dem eine Frau sang: „Wenn du nackt vor mir stehst dann entzündet sich meine Lust wie eine Waffe“. Als meine Autofahrerin anfing mitzuträllern bekam ich erste Hitzewallungen. Die gute Frau war übrigens Mitte 50. Schließlich kamen wir zum stehen und legten im Wald eine 180 Grad Drehung hin. Einer der kranken Hunde bekam eine Herzattacke. 5 Minuten später standen wir vor meinem Campingplatz. Was war ich froh….

Der Nationalpark ist wunderschön. Da es spät ist und ich genug Geld aus der Jonglage in Göttingen übrig habe übernachte ich auf einem offiziellen Campingplatz, was ich schon nach 5 Minuten bereue. Den nächsten morgen geht’s im strömenden Regen ein Stückchen den Edersee entlang bis nach Bringhausen. Der Edersee ist ein Stausee, aber hat derzeit einen historisch tiefen Wasserstand weil im Frühjahr der Regen viel zu wenig war, man in der Erwartung von Tauwasser weiteres Wasser abließ , und nun weiteres Wasser auslaufen lässt um die Weser Schiffbar zu halten. Denn die Eder fließt in die Fulda. Und die Fulda mit der Werra in Hannoversch Münden in die Weser.

Und so kann man derzeit auf dem Grund des Edersees spazieren gehen und Reste des historischen, 1914 durch den Edersee zerstörten Teils von Bringhausen erkennen. Der Friedhof mit Grabplatten, die alte Dorfstraße und Grundmauern und Feuerstellen sind klar erkennbar. Ich laufe trockenen Fußes zur Liebesinsel die normalerweise nur durch Schiffe erreichbar ist, mache mich wieder zurück zu meinem
Campingplatz und trampe am Nachmittag bis nach Marburg. Die erste Woche verging wie im Flug.