Sep 10 So schoen ist der Sueden.

Nun heisst es den Bodensee auf deutscher Seite umtrampen. Von Konstanz geht es mit der Autofaehre nach Meersburg, von dort nach Ludwigshafen, wo ich mir ein wenig Geld zusammenjongliere, und gegen Abend weiter dann weiter nach Lindau. Eine Autofahrerin schenkt mir eine Wasserflasche, ein anderer Autofahrer nimmt mich noch kurz mit nach Hause und ich kann sein Internetzugang nutzen. Anschliessend gehts mit dem Auto und seiner Freundin noch kurz nach Oesterreich: Die beiden wollen tanken und guenstig Kippen kaufen, und zeigen mir auf dem Weg gleich noch einen Campingplatz und eine Jugendherberge, sollte ich nichts anderes finden.

Dann die Ankunft in Lindau: Der Blick auf die Alpen ist traumhaft. Es herscht Foenwind, das heisst beste Sicht auf die schneebedeckten Berge. In Lindau, dessen Altstadt auf einer Insel im Bodensee liegt, gibts keinerlei Moeglichkeiten zum Wildcampen. Die Insel ist dicht bebaut, Gruenflaechen sind rar, die Insel ist komplett Stadtgebiet. Ich beschliesse mir spaeter Gedanken darueber zu machen wo ich schlafe und schaue mir einen spektakulaer schoenen Sonnenuntergang an. Der Wetterbericht fuer die Nacht und den naechsten Tag ist gut, und so entscheide ich mich openair zu schlafen. Damit verstosse ich auch gegen kein Gesetz, den Schlafen in der Innenstadt ist an sich nicht verboten. Ich steige eine Treppe der Ufermauer hinab auf ein kleines Kiesbett. Der See hat keinen Wellengang, also geht von ihm keine Gefahr aus. Fuer den Fall das es anfaengt zu stippern oder zum Schutz vor Blicken anderer lege ich mich halb unter die Treppe, habe aber eine einzigartige Sicht auf einen klaren Sternenhimmel. Nur eine Katze kommt Nachts zu besuch, am naechsten morgen erlebe ich einen wunderschoenen Sonnenaufgang. Die schneebedeckten Alpen werden in rotes Sonnenlicht getaucht.

Vom Bodensee gehts in den Algaeu. Genauer gesagt moechte ich zum Schloss Neu Schwansetein. An diesem Tag komme ich aber nur bis Immenstadt. Ich frage einen Angler ob ich das Zelt am Fischerhaeuschen an einem nahegelegenen See aufstellen kann. Er hat nichts dagegen, “aber wer weiss, vielleicht kommen spaeter noch ein paar Spiesserkollegen vorbei, weisst ja wie das ist.” Er empfiehlt mir die andere Seeseite, da sollte es keinen stoeren. Der See ist stark von Joggern und Radfahrern frequentiert. Ich warte bis es dunkel ist, baue das Zelt dann direkt, wirklich direkt, neben einer Bank auf, denn der Uferbereich ist schmal. Noch zwei oder drei Sportler laufen den Weg entlang ohne mich zu entdecken.

Dann zwei Frauenstimmen. “Komm, setzen wir uns ein bisschen”. Mein Gedanke: “Die werden mich doch wohl sehen?”. Aber anscheinend nicht. Und dann geht es los. Das Thema ein Mann… ein zweiter Mann….Maennerfreundschaften…Probleme von partnerlosen Frauen… Alles wird ausdiskutiert, und die Gespraeche werden immer intimer. Ich traue mich garnicht mich im Zelt zu bewegen, sitze gerade aufrecht, wuerde am liebsten das Zelt zumachen damit die Frauen, sollten sie mich noch bemerken, wenigstens denken ich schlafe schon. Aber das Geraeusch wuerde sie aufschrecken. Dann entdecken die beiden mein Zelt doch noch. Gut. Fuer beide Seiten weniger peinlich waere jetzt gewesen mit “Nix verstehen, I dont speak German” zu antworten, aber so clever war ich in dem Moment nicht sondern murmelte ein “Nabend” vor mich hin. Im Endefekt noch eine nette Unterhaltung, und die Frau erzaehlte mir von einer putzigen Liebesbeziehung auf dem See: Dort leben eine Wildgans und ein Schwan in einer Beziehung und weichen nicht voneinander. Ein suesses Paar. Wir verabschieden uns, ich schlafe schnell ein.

Am naechsten Tag gehts weiter Richtung Neu Schwanstein. Allein die Fahrt durch den Allgaeu ist ein Erlebnis. In Oberjoch besuche ich eine Aussichtskanzel, eine nette Autofahrerin stoppt fuer das schoenste Fotomotiv auf der Strecke. Sie ist von meinem 0-Euro-Tripp begeistert, laedt mich auf etwas zu Essen ein. Ich oute mich als Kulturbanause und frage sie warum die Kuehe hier eigentlich Kuhglocken umhaben. Alles nur fuer die Touristen? Aber nein: Tatsaechlich dienen die Kuhglocken bis heute dazu dem Hirten das Leben auf den Almen zu erleichtern. Im Hochnebel findet er sonst seine Kuehe nicht wieder und wuerde durchdrehen. Im Tal macht man es dann einfach der Tradition wegen. Das Jaehrliche Highlight ist die sogenannte Viehscheidt, wenn im Herbst die Kuehe von den Almen zurueck in die Doerfer getrieben werden und jeder Bauer seine Tiere zurueck bekommt. Fuer diesen Anlass werden die Tiere nocheinmal bunt geschmueckt. Allerdings nur wenn es in diesem Jahr weder einen Todesfall in der Familie der Bauern gab, noch ein Tier auf der Alm verunglueckt ist.

Mit mehreren anderen Autofahrern lande ich schliesslich in Fuessen, von wo aus Neu Schwanstein nur 5 km entfernt ist. Ich jongliere, verdiene gutes Geld und mache mich auf die Suche nach neuen Schuhen: Die Akkupunktur-Latschen aus Australien haben es entgueltig hinter sich. Ich kann meine Zehn sehen. Mein Budget ist klein. Ich liebaeugel mit wunderschoenen Wanderschuhen bei Intersport, lande dann aber in der Restpostenabteilung bei Woolworth. Dort sind gerade alle Markenschuhe “nochmals 50% reduziert”. “Na fuer 10 Euro duerfen sie doch wohl auch ein bisschen druecken” meint eine Verkaeuferin laechelnd, als ich Paar fuer Paar durchteste. Die gute Frau hat offensichtlich keien Ahnung was ich mit diesen Schuhen noch vorhabe! Am Ende entscheide ich mich fuer ein Paar Schuhe der Marke Carrera, fuer 12,50. Nicht die idealen Wanderschuhe, aber besser als die alten.

Dann Uebernachtungssuche: Ich lande bei einer netten Familie nahe dem Forgensee, wo ich fuer zwei Naechte mein Zelt im Garten aufstelle. Da der Grill noch warm ist werde ich noch zum Essen eingeladen. Ein grosser Teller voller Salat, Fleisch und Pellkartofeln steht vor mir. Dann aber die etwas merkwuerdige Situation. Die Familie, die bereits gegessen hat verzieht sich ohne grosse Worte nach drinnen, die Frau kommt nochmal raus, meint sie haette ein schlechtes Gewissen mich hier alleine so sitzen zu lassen, doch auf meine Antwort das waere schon ok, wuenscht auch sie mir einen schoenen Abend. Nach zehn Minuten geht die Tuer nochmals auf, sie bringt sie mir noch Nachtisch und verschwindet.

Die Leute sind auf der einen Seite supernett, aber irgendwie auch verschlossen. Man kommt nicht so direkt an sie ran. Das erinnert mich an meine Couchsurferin in Konstanz vor 2 Tagen: Ich wurde ich wie immer nett empfangen, aber sie und ihre Freundin sind zehn Minuten nach meiner Ankunft ins Kino gegangen, ohne mich zu fragen ob ich vielleicht mit wolle, gleichzeitig bekomme ich aber die Wohnung ganz fuer mich allein, das Internet, die Dusche, der Kuehlschrank stehen zu meiner Verfuegung.

Ich will das auf keinen Fall negativ werten. Ich finde nur die Situation eigenartig. Im Ruhrpott haette dir jemand den man nach einer Flaeche fuers campen gefragt haette entweder gesagt: “Da drueben ist ne Wiese, viel Spass” oder er haette dich zum Essen eingeladen, oder auf was zu trinken, aber dann haette er auch was hoeren wollen, Geschichten waeren erzaehlt worden, man haette sich ausgetauscht. Hier bekomme ich ein Grillteller vom feinstern und die Tuer schliesst sich von innen. Vielleicht auch nur zwei nicht repraesentative Einzelerscheinungen hintereinander. Die Autofahrer sind auf jedenfall sehr gespraechig, neugierig, hilfsbereit.

Am naechsten Tag moechte ich mir nun Schloss Neuschwanstein anschauen. Den Weg von Fuessen laufe ich zu Fuss mit meinen neuen Carrera-Schuhen. Am Ticketschalter wildes treiben. Jede 10 Minuten beginnt eine neue Fuehrung, Audiotouren in allen erdaenklichen Sprachen stehen zur Verfuegung. Eintrittspreis 9 Euro, Kombiticket fuer Schloss Neuschwanstein und Neu Schwangau 17 Euro, was fuer eine Ersparrnis. “Haben Sie denn einen Schueler oder Studentenrabatt?” frage ich. “Na was sind sie denn nun, Schueler oder Student?”. “Aeeeeeehm, Schueler”. Die Frau guckt etwas skeptisch, antwortet dann mit einem “Fuer Schueler kostet das ganze nichts.” Jackpot! Blos nichts anmerken lassen, Ticket drucken lassen und dann nichts wie aufs Schloss…. Ich habe uebrigens kein schlechtes Gewissen mich immer als Schueler einzuschleichen. Ich habe kein geregeltes Einkommen und koennte einen vollen Preis ohnehin selten bezaehlen.

Das Schloss ist beeindruckend. Zwar wird man wie eine Herde Vieh von Raum zu Raum durchs Schloss getrieben (Die Leute von hinten ruecken schon nach, die Gruppe vor einem muss sich erst durch den engen Tuerrahmen ins naechste Zimmer quetschen) aber das Schloss ist trotzdem einfach beeindruckend. Als Maerchenschloss gebaut, zuerst von einem Maler, und nicht von einem Architekten entworfen, und als mein persoenliches Highlight mit einer kuenstlichen Indoor-Tropfsteinhoehle ausgestattet muss man sagen, Koenig Ludwig II. hat es wirklich an nichts mangeln lassen. Jeder Raum ist einer anderen Oper Wagners gewidmet, Holzschnitzereien, Wandmalereien von der Teppichkante bis zur Decke. Mit 41 Jahren hat ihn die eigene Regierung dann fuer Geisteskrank erklaert. Am Folgetag wurde er zusammen mit seinem Nervenarzt tot am Chiemsee aufgefunden. Keiner weiss genau was damals passiert ist, aber ein Selbstmord ist wahrscheinlich. Auch ob er nun wirklich Krank war oder die Regierung ihn loswerden wollte ist umstritten. Wenn man sich seine Bauten, seine Aufzeichnungen, sein Leben anschaut wird aber auf jeden Fall deutlich, dass er hat in einer anderen Welt gelebt hat. Kein Wunder das genau dieses Schloss einmal eine Legende unserer Zeit kaufen wollte: Michael Jackson.

Dann noch ein Ausflug zum Alpsee, und es geht zurueck Richtung Fuessen. Zurueck trampe ich. Ich springe in den eiskalten Forgensee, denn ein Bad war ueberfaellig, rasiere mich und mache mich auf den Weg zurueck zum Zelt im Garten der netten Familie. Am naechsten Tag als ich aufbreche kommt das Familienoberhaupt vorbei, drueckt mir zwei leckere backfrische Broetchen in die Hand und wuenscht mir gute Fahrt.

Nach den wunderschoenen Eindruecken aus dem Allgaeu, und einem kurzen Besuch des Alatsees, welcher Schauplatz im Bestsller-Krimi Seegrund ist, geht es weiter zum Chimsee. Erst spaet komme ich an, zuvor kann ich an einer Autobahnraststaette einem Burgerking nicht wiederstehen. Die Autofahrerin die mich bis zum Chimsee mitnimmt kennt sich bestens aus und setzt mich direkt an einer Stelle am See ab an der ich wild campen kann. Sie wuerde mich sonst auch gerne nach Hause einladen, aber die Bude ist schon voll. In der Nacht regnet es stark, ich stehe Nachts auf um herrausgerissene Herringe zu befestigen, und trete auf meine………BRILLE! Und wieder war das Glas kaputt. Ich bin und bleibe einfach ein Schussel.

Am Folgetag umrunde ich den See einaeugig. In Seebruck erlebe ich ein Trachtenfest mit, in Prien am Chimsee besuche ich das Erlebnisbad am Chiemsee, will eigentlich nur Duschen, und handle im Endeffekt den Schwimmertarif aus, welcher mit 4,50 fuer 75 Minuten immer noch recht happig ist.

Die Autofahrerin die mich bis an den Chimsee mitnahm sagte mir ich muesse noch den Nationalpark Bergdesgarden anschauen, sonst haette ich auf meiner Deutschlandtour etwas verpasst. Also auf nach Bergdesgarden.Ich trampe noch auf der Autobahn A8 Richtung etwas raus, merke aber das ich es heute nicht mehr schaffen werde und suche in einer kleinen Ortschaft nach einem Schlafplaetzchen. Keine Bauern da, kaum Menschen in den Gaerten, keine richtigen Moeglichkeiten zum Wildcampen. Dann laed gerade eine Frau eines Einfamilienhauses ihren Wagen aus. Ich stelle meine Standartfrage nach kleiner Wiese oder Rasenflaeche fuers Zelt, die Augen des Ehemannes beginnen mit einer Geschwindigkeit zu rotieren die nur ungesund sein kann, aber nach 15 Sekunden Bedenkzeit meinen die beiden, wenn ich wolle, kein Problem. Die Fenster im Haus zum Garten hin bleiben die ganze Nacht dunkel, ich fuehle mich dennoch beobachtet. Am Morgen breche ich frueh auf.

Ich trampe nach Bergdesgarden bzw. zum Koenigssee. Die Gegend ist megatouristisch. Kaum ein Kennzeichen von vor Ort. Nur wenige Urlauber nehmen Tramper mit, und so stehe ich eine Weile, aber komme auch an diesem Tage wieder ans Ziel. Ein Autofahrer sagt: “Du musst unbedingt noch nach Salzburg, koste es was es wolle”. Somit habe ich schon wieder ein neues Ziel. Nun aber erstmal nach Bergdesgarden. Der Nationalpark ist wirklich beeindruckend. Ich aergere mich das ich nicht mehr wandern gehen kann, aber mit meinem zu schwerden Gepaeck, den schlechten Schuhen ist das schwer. Ausserdem brauche ich regelmaessig Geld aus der Jonglage.

Ein Autofahrer hat einen anderen Geheimtipp fuer mich: “Wenn du am Koenigssee bist, geh links herrum. Irgendwann kommt ein Schild -Stopp, Lebensfahr, versicherter Weg endet.- Da laeufst du einfach immer weiter grade aus, kommst zu nem Wasserfall. Wunderschoen. Kennen nur die Kinder ausm Dorf.” Der vorletzte Autofahrer an diesem Tag ist Tourismusfuehrer im Nationalpark und arbeitet am Koenigssee. Ein besseren Fang konnte ich garnicht machen. Ein lebendes Lexikon. Nur von dem Geheimtipp erzaehlt er mir nichs, sagt mir aber das der See ein Fjordsee ist, der links und rechts von schroffen Felswaenden eingeschlossen wird, daher sei das begehen am Rand unmoeglich.

Angekommen und erschlagen vom Massentourismus mache ich mich auf den Geheimtipp zu finden. Ich stelle meinen Rucksack in einer Wirtschaft unter und wandere los, und das hat sich dann auch wirklich gelohnt. Nach dem passieren des “Lebensfahr”-Schildes begegne ich noch einer Famlilie die mich mit dem Worten “Noch einer der nicht lesen kann” begruesste. Ich antwortete wahrheitsgemaess ich sei auf der Suche nach einem  Geheimtipp eines Autofahrers und die andern mussten grinsen. Den Wasserfall kann man im Flussbett nach oben klettern, und hat von oben einen natuerlichen Pool, einen abfallenden Wasserfall, und eine unglaubliche Sicht ueber den Koenigssee. Ich sonnte mich, jonglierte, machte ausgiebig Pause und begab mich auf den Rueckweg.

Koenigsee, krass touristisch. Viele kleine Staende. Ob die hier wohl nichts dagegen haben wenn ich jongliere? Ausprobieren. Ich habe grade angefangen, da steht der Budenbesitzer von nebenan schon vor mir: “Willste nicht erstmal was essen? Dir Falln ja schon die Baelle runter vor Erschoepfung”. “Was?” “Na. Such dir was aus, was willstn haben?” Ich entscheide mich fuer Leberkas im Semml mit Senf und bedanke mich. Das haett ich nun gerade hier nicht erwartet. Wir unterhalten uns ueber meine Reise. Nach dem Essen jongliere ich, aber der Hut bleibt leer. Die Eis- und Getraenkeverkaeuferin, eine Schuelerin die fuer den Semmlverkaeufer jobbt, kommt und wirft mir einen Haufen Kleingeld, umgerechnet vielleicht 2 Euro, in den Hut. “Wow” sage ich, und sie antwortet “Ist vom Chef, aber das das von ihm ist soll ich garnicht verraten”.

Dann bietet auch sie mir was zu Trinken an. Ich entscheide mich fuer einen heissen Kakao. Unglaublich. Doch es kommt noch unglaublicher: Die Schuelerin kommt mit einer neuen Hand voll Kleingeld und wirfts in den Hut. Ein zweites “wow”. “Das ist mein Trinkgeld, von heute. Ich find das cool was du machst”. Ausser den beiden scheint mich keiner im Gewirr zu beachten, aber denen bin ich es nun allein schon schuldig hier eine gute Show abzuliefern. Und so jongliere und jongliere ich, und auf einmal kommt auch wieder Geld von links und rechts und jung und alt, und der Tag hat sich gelohnt.

Die Unterkunftssuche ist schwer, jeder Bauernhof ist gleichzeitig ein Gasthof, ein Ferienhaus, eine Gaststaette. Ich wandere 4km auswaerts. An der Koenigseer Ache hackt ein Mann Holz. Ihn frage ich nach einem Plaetzchen fuers Zelt und er schlaegt mir einen Platz direkt am Ufer des Fluesschens vor. Zuvor war ich das erste mal von einer aelteren Dame abgewiesen worden, jedoch mit der Begruendung ihr Hund wuerde die ganze Nacht hindurch keine Ruhe geben.

Die Nacht kann ich schwer einschlafen. Bin aufgekratzt. Bin viel zu beeindruckt von den letzten Tagen. Dem Algaeu, dem Schloss, den Alpen, dem Koenigsee, dem Wasserfall, dem Leberkasverkaufer und all den vielen tollen Dingen die die letzten Tage einfach perfekt gemacht haben. Die Autofahrer in Bayern haben mich oft weiter gefahren als ich es wollte. Eigentlich jeder hat einnen kleinen Umweg gemacht um mich noch ein Stueckchen weiter zu fahren, mir das Leben einfacher zu machen. Oft lag es denke ich auch daran das ich meine Geschichte, die jeden Tag ein Stueckchen laenger wird, noch nicht zuende erzaehlt hatte, und die Leute sind einfach neugierig.

Am naechsten Tag wollte ich mir noch Bergdesgarden selbst anschauen. Die offizielle Touristinfo hatte hier keine moeglichkeit mein Gepaeck unterzustellen, hatte aber wie immer eine Erklaerung parat warum sie es nicht darf, moechte, kann. Die Gepaeckboxen am Bahnhof waren zu klein. Ich war kurz davor Bergdesgarden als abgehakt anzusehen, und weiterzutrampen, als ich dem Staedtchen noch eine Chance gab und in einem Hotel nachfragte. Der anwesende Kellner loeste mein Problem mit links, das Ding landete in einer Besenkammer.

Dann gings spaeter mit einem Hubschrauberpiloten im Auto weiter nach Salzburg in Oesterreich. Ich besuchte also unsere Nachbarn. Mozart und Mozartkugeln sind allgegenwaertig. Wieder eine Stadt mit extremem Asiatenanteil. Vor einem Haus eine unglaubliche Menschentraube. “Mozarts Geburtshaus” steht mit goldenen Buchstaben angeschlagen. Die Leute fotografieren wie wild. Das Haus an sich koennte auch von Max Mustermann bewohnt worden sein. Ist unspektakulaer.

Obwohl Salzburg schoen ist bin ich trotztem nicht beser Laune. Vermutlich konnte die Stadt einfach nicht mit den Landschaftseindruecken aus den vergangenen Tagen mithalten. Dazu mein Fuss der seit Tagen mehr und mehr schmerzt und mich humpeln laesst, meine kaputte Brille, die Tatsache das das Internetcafe in der Stadt 12 Euro die Stunde haben wollte, ich eine Unterkunft brauchte und die Gepaeckabgabe eine Menge Geld kostete.

Schon am Folgetag beschloss ich nach Muenchen aufzubrechen. Ich brauchte Geld und wollte in Muenechen erneut jonglieren. Dazu tat mein Fuss weh, das Auftreten war kaum moeglich, ich konnte in Salzburg ohnehin nicht mehr auf Erkungsungstour und ich wollte bei Fielmann meine Brille reparieren lassen.

Ich humpelte vier Kilometer zur naechsten Autobahnauffahrt und wurde sofort bis nach Muenchen mitgenommen. Der Autofahrer erzaehlte mir , wie schon zuvor des oefteren gehoert, das das mit der Strassenkunst in Muenchen eine heikle Sache ist. Man sagt ich brauche auf jeden Fall eine Genehmigung, sonst kanns teuer werden.

In Muenchen also zuerst vollbepackt die entsprechende Stelle aufgesucht. Genehmigung kostet 10 Euro, und ich soll vor den jeweiligen Entscheidunsgtraegern “vortanzen”. Muenchen sucht den Superjongleur sozusagen. Finde ich quatsch. Strassenkunst lebt von der Freiheit, dass die Masse entscheidet was Kunst ist und was nicht. Wer moechte gibt Geld, oder ebend nicht. Ich kann verstehen das eine Stadt wie Muenchen die Menge der Strassenkuenstler reglementieren will, und den Standort, und ich kann ein kleines Verwaltungsentgeld nachvollziehen, vermutlich koennte man in Muenchen ordentlich Kohle machen. Aber das Vorspielen lehne ich ab.

Dann die Brillenreperatur. Immerhin kann ich erreichen das die Brille innerhalb 1-2 stunden statt 5-7 Tagen fertiggestellt wird. Habe gebeten ein wenig zu telefonieren, vielleicht hat das Glas ja jemand auf Lager. “Unwahrscheinlich, aber man kanns ja mal probieren.” Dann die positive Nachricht. Das Glas ist in einer Nachbarfiliale vorhanden, ich kann vorbei kommen. Filemann hat einen guten Service, wenn man es darauf anlegt.

Die Brille kostet Geld. Jonglieren in Muenchen kann ich knicken. Mein Fuss tut weh, muss einen Arzt aufsuchen. Dazu seit einer Weile geschwollene Luempfknoten, das muss ich auch mal dringend checken lassen. Schon wieder Praxisgebuehr. Alles kommt zusammen. Muss wohl einen Travelercheck einloesen den ich fuer den Notfall noch dabei hatte. Habe noch 8 Euro, damit komme ich nicht weit. Travelercheck einloesen will ich eigentlich nicht. Das schoene NULL EURO BUDGET. Bisher konnte ich alles aus dem Hut bezahlen. Praxisgebuehr beim Zahnarzt, Schuhe, Internetcafe, Handyaufladekarte (Bevor das Handy verloren ging), Eintrittstickets, etc. Aber ich komme wohl nicht drumherum. Doch dann findet sich keine Bank die die Checks annimmt. Humple im Regen von A nach B. Eine EC-Karte habe ich nicht dabei. Bekomme kein Geld. Kann meine Brille nicht abholen. Humple dann ohne Brille im Dunklen und im Regen zur Uebernachtungsmoeglichkeit. Verirre mich. Keine Gluecksstraehne.

Soll ich einfach nach Hause fahren? Finde ich noch eine Bank die meine American Express annimmt? Wie weit wird mein Fuss noch humpeln? Und wie lange ist es vernuenftig zu humpeln? Fragen ueber Fragen…

Aug 30 Schwarzwald, Bodensee, Polizei, zwei alte Frauen, Regen, und was das alles miteinander zu tun hat.

Freiburg ist schoen, bleibt aber weitgehend unspektakulaer. Ich besteige den Schlossberg und den Schlossbergturm. Das Jonglieren funktioniert zwar, ich habe aber das Gefuehl, das Geld im Hut wird von Stadt zu Stadt weniger, je weiter ich gen Sueden schreite. Natuerlich sind das immer nur Momentaufnahmen und nichts repraesentativ.

Es geht nach zwei Tagen Freiburg weiter zum Tittisee. Es ist Sonntag. Die Strandpromenade geflutet von Menschen: Sehr viele Inder, Asiaten, Italiener, Oestereicher, Franzosen, Amerikaner. Kuckucksuhren ticken um die Wette, Schwarzwaldtrachten und kitschige Souvenirs reihen sich Stand an Stand. Irgendwo spielt eine Indianerband und bespasst die Massen. Ein Kapitaen in vollem Anzug verkauft Fahrkarten fuer die 25Minuten-Seerundfahrt. Eine heile Welt voller Realsatire, Kitsch und Volksmusik.

Ich bekomme augenblicklich gute Laune, Schnappe mir eine der wenigen leeren Baenke an der Uferpromenade, baue meinen Kocher auf und koche zwei Packungen neuseelaendische Instantnudeln. Es ist faszinierend was fuer nette aber aber auch abgrundtief boese Blicke man ernten kann.

Hier moechte ich gerne jonglieren. Noch nichtmal angefangen, da landet schon der erste 10 Euroschein in meiner Tasche… Und es sollte gut weitergehen. Nach einer Stunde sind 25 Euro zusammenjongliert. Wahnsinn! Die Leute hier haben einfach gute Laune, Kaufkraft, und geben fuer ein bisschen Unterhaltung schnell auch etwas mehr Geld. Und das Geld kann ich dringend gebrauchen, habe ich mich die letzten Tage mit ein, zwei, oder 3 Euro ueber Wasser gehalten….

Noch am Nachmittag geht es weiter zum groesseren und weniger touristischen Schluchsee. Ich fahre bei einem Pfarrer mit, der die dumme Angewohnheit hat beim Ein- und Aussteigen mitten auf der Strasse zu halten. Am Schluchsee regnet es. Ich baue mein Zelt auf und verschwinde frueh im Schlafsack. Ueber Nacht stuermt und regnet es stark. Am morgen ist alles nass. Der See ist dazu noch angeschwollen, es haette nur 10 cm mehr gebraucht, das Zelt komplett zu fluten.

Am Montag wollte ich auf den Feldberg, den hoechsten Berg im Schwarzwald, aber auch heute nur Regen. Ich beschloss eine Kursaenderung auf den Bodensee. Am morgen nimmt mich ein Versicherungsmakler in alpinweissem Oberklasse-BMW mit Nappaleder mit durch den Schwarzwald. Motto: Wo 100 erlaubt ist wird auch 100 gefahren. An einer Bundesstrassenauffahrt erneut Bekanntschaft mit dem Freund und Helfer. Dieser haelt in guter Absicht und nimmt mich ein laengeres Stueck mit. Er ist privat unterwegs und schreibt gerade an seiner Diplomarbeit fuer den gehobenen Dienst. Spaeter auf der Autobahnraststaette treffe ich dann wieder seine blauen Kollegen: Die Rundumleuchten gehen an, ich mache mich zur naechsten Personen-, Drogen-, und Waffenkontrolle bereit. Aber die beiden wollen garnichts kontrollieren. Ihnen gefaellt mein Standort nicht. Ich streite nicht und wechsle meinen Spot.

Letztendlich werde ich von zwei Damen um die 70-80 mitgenommen, eine herrliche Autofahrt. Die beiden haetten wohl nie gestoppt, haette nicht ein Maedel, eine Handwerkergesellin die drei Jahre auf Wanderarbeit ist, sie fuer mich angesprochen. Eine der alten Frauen hatte so viel Spass an den Reisegeschichten, sie konnte sich garnicht mehr einkriegen. Dann erzaehlten die beiden mir auch ihre Geschichte: Sie haben in den 80 Jahren eine damals revolutionaere Idee gehabt: Ferienhaustausch. Funktionierte auch ohne Internet ueber Zeitungen. Daraus hat sich eine innige Freundschaft entwickelt, und die beiden waren gerade auf ihrer jaehrlichen “Weibertour” in ein Kloster unterwegs…

Die Handwerkergesellin hat mich uebrigeens auch beeindruckt. Sie ist in einer Tracht unterwegs die sie stehts tragen muss, reist mit nur 7 KG Gepaeck welches sie auf ein simples Holzgestell geschnuert hat, und nennt ihr hab und gut “viel zu viel”. 3 Jahre dauert ihre Wanderzeit in der sie von Baustelle zu Baustelle in ganz Europa wandert.

Mit den alten Damen komme ich schon frueh in Konstanz an. Es regnet. Ich besuche das Bodenseemueseum. Haette ich mir schenken koennen. Ich mache mich zu Fuss auf den Weg in die Schweiz, auf einen Aussichtsturm, dann wieder zurueck. Erst Abends finde ich eine Unterkunft. Campen konnte ich nicht, mein Schlafsack ist nass und muss trocknen.

Als weitere Verlustmeldung gibt es mein Internet-Wlan-Stick und mein Fotokameraladegeraet zu vermelden. Sehr aergerlich.  Nun ist meine Kommunikation sehr eingeschraenkt und die Kamera wird irgendwann den Geist aufgeben….